O l i v e r   Z y b o k






Nuancen - gemalt und gezeichnet

 

 

 

Der Künstler hat ein anderes Empfinden für die Kategorien Original und Kopie als ein Experte, Sammler oder Händler. Sir Osbart Sitwell erzählt dazu folgende Anekdote über den Maler Walter Sickert: "Ich weiß noch, mit welcher Freude er [Sickert ] mir berichtete, sein Auge sei [...] von einem Bild in einem Schaufenster angezogen worden. Er habe sich auf der anderen Straßenseite befunden, aber der vage vertraute Anblick des Gemäldes habe ihn bewogen, hinüberzugehen und es zu prüfen. Es wirkte bekannt und war doch anders [...]. Dann sah er über dem Bild an der Fensterscheibe einen Zettel hängen. Darauf in großen Lettern der Name Sickert. Beim Nähertreten erkannte er das Bild als eines, das er vor ein paar Jahren halbvollendet hatte liegenlassen. Inzwischen war es kunstvoll fertiggemalt worden und hatte sogar seine Signatur bekommen, mit allem Recht, wie es schien. ‘Ich hätt’s selbst nicht besser machen können’, gestand er".

   Original und Kopie, Schöpfen und Nachschöpfen sind Wortpaare, die sich im Spannungsfeld zwischen Ästhetik und Ethik bewegen. Unser Unvermögen in dieser Grauzone zwischen Moral und Schönheit exakte Grenzlinien zu finden, kann in seinen Ursprüngen auf Aristoteles zurückgeführt werden, der Kunst grundsätzlich als Nachahmung ("Mimesis") verstanden hat. Einige Künstler ahmen Natur nach, andere ahmen Kunst nach; aber letztendlich ahmen alle nach. Dies hat zur Konsequenz: Wer Nachahmen früherer Kunst als unethisch oder sogar als kriminell verdammt, findet sich in der schwierigen Situation, Meister wie Michelangelo, Rembrandt, Rubens, Turner, Goya, Géricault, Delacroix und Degas (u. a.) als Plagiatoren und anrüchige Charaktere brandmarken zu müssen.

   Turner hat nach 1800 den Maler Claude Lorrain mehrfach bewußt nachgeahmt. Eines der bekannteren Beispiele dürfte das Gemälde ‘Dido erbaut Karthago’ sein, das er 1815 in der Royal Academy ausstellte. Die Bedeutung dieser Nachschöpfung zeigte sich in Turners Vorbehalt bei der Schenkung dieses Werks an die National Gallery in London. Seine Auflage lautete, daß es für immer neben dem Original Lorrains, dem ‘Hafen mit der Einschiffung der Königin von Saba’, hängen müsse. Der französische Landschaftsmaler war nicht der einzige, den er imitierte. Der holländische Marinemaler Willem van de Velde der Jüngere diente ebenfalls als Vorbild - wie Turner jedoch selber bekannte, als unerreichbares. Ein Zeitgenosse schreibt: "Wir betrachteten einen van de Velde, und als jemand meinte: ‘Das können Sie sicher besser’, schüttelte er [Turner] den Kopf und sagte: ‘So wie er kann ich nicht malen’."

   Sven Drühl formulierte im Hinblick auf seine künstlerische Auseinandersetzung eine ähnliche Aussage wie Turner und er geht noch einen Schritt weiter: "Jene Bilder, an denen ich notwendig beim Nachmalen scheitern muß, nehme ich erst recht. Nie würde ich einen Maler nehmen, den ich schlecht finde oder von dem ich denke, daß ein gewisser Kampf nicht im Bild zu sehen ist." Drühls Malerei dienen Werke von Caspar David Friedrich, Eugen Felix Prosper Bracht, Claude Monet, Edvard Munch, Ernst Ludwig Kirchner, Max Ernst, Clifford Still, aber auch einige Zeitgenossen als Grundlage. Sie werden von Drühl jedoch nicht originalgetreu kopiert oder gar "gefälscht". Es zeigt sich zunächst der klassische Formenkanon, den die jeweiligen Vorlagen bieten, unter anderem der der Romantik, des Impressionismus oder Expressionismus. Auf der anderen Seite offenbaren sie einen individuellen Gestus, der Aspekte offen legt, die im zeitgenössischen Jargon gerne als "trash" bezeichnet werden.

   Indem Drühl Lack verwendet, der zerfließend das Bildthema der Vorlage verzerrt, verleiht er den Bildern einen anderen Glanz. Die Verwendung von Silikon als Kontur gibt als plastisches Mittel dem Werk einen in der Vorlage nicht vorhanden haptischen Charakter. Am Ende erinnert lediglich die Motivik - und hier auch nur vereinzelt - an die Pendants der Vergangenheit; unterscheidendes und entscheidendes Kriterium ist die technische Ausführung, die den Werken einen eigenständigen Charakter verleiht. Letztendlich geht es Drühl um den Aspekt der Ähnlichkeit, der auf der Grundlage einer Wiederholung, sich zum einen auf Tradition und zum anderen aber auch auf Zeitgeist beruft. Der Gedanke der Nachahmung bestimmt jedoch nicht nur die hier ausgestellte Malerei - Nachschöpfen ist das Konzept für Drühls gesamtes künstlerisches Schaffen. Dies verdeutlichen die hier ausgestellten Zeichnungen und die Wandarbeit, die sich aus Versatzstücken aus den einzelnen kopierten Werken zusammensetzen. Sie lösen sich somit noch mehr von der Vorlage und erhalten einen größeren eigenständigen Charakter.

   Drühls künstlerische Auseinandersetzung liegt eine Erkenntnis zugrunde: Mit der Wiederholung ist es eine seltsame Sache. Wer auf Neues aus ist, wird sie geringschätzen, wer sich an Bewährtes hält, wird sie hochpreisen. Es bedurfte der Extravaganz eines anachronistischen Denkers wie Sören Kierkegaard, um aus diesem Hin und Her von Vor und Zurück auszuscheren. Er tat dies, indem er bei dem Versuch, das Leben zu "umschiffen", die Wiederholung mit dem Index "nach vorn" versah. Kierkegaards Überlegungen ergeben sich aus der Schlussfolgerung, dass am Anfang aller Kulturen, so etwas wie eine mythische Wiederholung steht, die wiederum Ähnlichkeiten zu anderen Kulturen aufweist. Alles wiederholt sich, im Auf und Ab einer Weltordnung. Letztendlich kann man eine Quintessenz dieser Ausstellung mit den Worten Eugène Delacroix’ formulieren "Das Interesse darf nicht lediglich darin liegen neue Ideen zu haben, sondern muß darin bestehen, von der Idee besessen zu sein, daß das bereits Gesagte nicht gut genug ist." Es ist noch nicht so viele Jahre her, da ließ man Künstler sich halb zu Tode erklären, was denn ihre Werke nun bedeuten sollen.


> Text zu der Ausstellung von Sven Drühl
»Nuancen - Gemalt und gezeichnet« am Erdrand