T i l m a n   L e n s s e n - E r z






Der Brandberg

 

 

Das, was wir hier sehen, sind Fotos prähistorischer Felsmalereien in Namibia, die Marie-Theres Erz gemacht hat im Rahmen ihrer Arbeit für das Heinrich-Barth-Institut an der Universität Köln. Aber es ist nicht allein das, was ihre Arbeit ausmacht. Vorweg muß man auch noch schicken, daß es natürlich gar keine Frage ist, daß die alten Künstler, von deren Kunst wir hier Bilder sehen, natürlich ganz große Künstler waren - eigentlich die größeren Künstler sind, und wir uns mehr oder weniger in ihrem Genie sonnen können. Aber es ist natürlich auch eine starke Respektsbeziehung, warum diese Bilder hier gezeigt werden, und wie sie gezeigt werden. Das werde ich auch gleich noch ein bißchen erklären.

   Ich will aber trotzdem ein weiteres vorwegschicken für diejenigen, die mich nicht so gut kennen oder die mich noch überhaupt nicht kennen. Ich bin kein Kunstexperte, ich bin nur ein Experte für Felskunst - prähistorische Felskunst. Nun habe ich von meinem Vater als eine der Lebensweisheiten mitbekommen, daß ein Experte sich vor allem dadurch auszeichnet, daß zumindest er selber an sein Expertentum glaubt. Ich finde das allerdings ein bißchen ungerecht. Experten haben auch noch andere Möglichkeiten zu belegen, wie sehr sie Experten sind - nämlich durch verwirrende Fakten, unverständliche Fremdworte, kryptische Formulierungen. Es gibt ein weites Feld, wie man beweisen kann, daß man Experte ist. Man kann es aber auch belegen, indem man ein Experiment vorführt, und ich habe mich zu letzterem entschlossen, zu helfen, ein Experiment vorzuführen.

   Die Versuchsanordnung existiert bereits, sie besteht in allen Anwesenden. Ausgedacht hat sich dieses Experiment Marie selbst. Marie hat sich überlegt und wollte einmal ergründen, was passiert eigentlich mit der Felskunst, mit der wir beide so viele Jahre nun schon zu tun haben, in einem Rahmen, wo Kunst und auch Kunstverstand im Vordergrund stehen. Wir sind ja hier in der Galerie eines Künstlers, eines sehr bekannten und darf man auch sagen etablierten - ich weiß nicht, ob das positiv oder nicht so positiv aufgenommen würde - wir sind hier mit unseren Felsbildern. Marie präsentiert uns hier die Felskunst Namibias ganz rein als Kunst. Man muß dazu wissen, für manche ist das vielleicht nicht so überraschend, Maries Erfahrung mit der Felskunst ist aber ganz anders geprägt. Sie ist geprägt von der Einbindung der Kunst in die Natur. Marie kennt diese Kunst vor allem von unseren Gebirgstouren in Brandberg in Namibia am Rand der Namib-Wüste. Dort, muß man sagen, ist bei der Kunst immer eine gewisse Leidensnote mit dabei. Das ist keine Kunst, die man genießen kann ohne Mühsal, denn es bedeutet, daß man sich dorthin begeben muß in diese Bergregion. Das ist ein Klettern, ein Wuchten, ein Schuften, das ist Kampf und Krampf, bis man endlich oben ist. Es ist sehr anstrengend. Und dort beim Fotografieren bedeutet es dann auch wieder, daß man kriecht und sich im Dreck wälzt und im Geröll, in spitzen Steinen, in allem, was Dornen und Stacheln oder Kletthaken hat. Man ist also völlig „eingesaut“. Ganz abgesehen von Spinnen, Skorpionen, Schlangen, die es dort in der Gegend überreichlich gibt. Ohne unnötig zu dramatisieren, aber zu Maries Job gehören eigentlich immer Dreck, Schweiß und Tränen.

  So schön wie hier hängt selten mal ein Bild dort irgendwo an der Wand. Und wenn es dort schön präsentiert ist, liegt garantiert irgendein großer Felsblock davor, von dem man immer herunterrutscht beim Fotografieren. Das ist gar nicht betrachterfreundlich arrangiert dort, wo es in der Natur liegt. Felsbilder sind normalerweise in der Hocke gemalt worden und sind auch in der Hocke zu betrachten gewesen, oder so sind sie am günstigsten zu betrachten. Ein bißchen kann man die Art und Weise nachempfinden, mit der Kunst umzugehen durch die Bücher, die hier am Boden arrangiert sind. Auch hier muß man sich eben in die Hocke begeben, und dann kann man die Bilder besser genießen oder besser wahrnehmen. Die anderen sind aber an der Wand präsentiert wie richtige Kunst, wie wir sie kennen - das Bild im Rahmen. Die Fotos von Marie sind also in dieser Weise eine Art Rückgriff auf die Leistungen anderer Leute. Aber es ist doch auch eine eigene Leistung mit darin enthalten, auch eine eigene in Richtung Kunst gehende Leistung, denn zum einen muß man die Bilder so fotografieren und so auch auswählen aus Tausenden von Bildern, daß das Besondere in dieser Kunst erkennbar und verstehbar wird. Auch das ist eine Kunst, den eigenen erkennenden Blick faßbar zu machen, für andere auch sichtbar zu machen.

   Was hier also transportiert werden soll aus diesen Bildern heraus, aus dieser prähistorischen Kunst, ist zum einen die Schönheit, die Kunst als eigener Wert, auch das Können, was diese Menschen an den Tag gelegt haben. Man sieht das an vielen Bildern, mit welcher immensen Feinheit, mit welchem Kunstverstand die Bilder entstanden sind. Aber es soll sicher auch transportiert werden der Stolz, mit so einem Material arbeiten oder umgehen zu dürfen und auch der Respekt und die Hochachtung vor dieser Leistung der prähistorischen Künstler.

   Für die Betrachter hier unter uns soll das nun primär ein Genuß sein, ein Genuß ohne Mühsal. Und trotzdem, ein bißchen Mühsal kommt jetzt noch, ich gebe nämlich noch ein paar Hintergrundinformationen, damit das auch richtig klar ist mit dem Experten - daß ich doch einer bin. Im Grundsatz muß man sagen, daß die Felsbilder ein Bestandteil der Natur sind, und die Natur wiederum ein Bestandteil der Bedeutung der Felsbilder ist. Ein bißchen hat man das ja hier (im Erdrand) und hat das in der Felskunst auch. Man betrachtet Bilder, dann wendet man sich um und sieht die Landschaft, die zu den Bildern gehört. Nun, genau diese Landschaft gehört hier nicht dazu, aber es ist ja Landschaft, und zwar eine ganz ordentliche Landschaft. Die Natur selber, dieser Naturraum, von dem ich jetzt immer spreche, auch ein paar Worte dazu. Der Brandberg in Namibia, das ist ein Granitgebirge, ein Inselgebirge von 30 km Durchmesser, sehr isoliert am Rand der Namib-Wüste gelegen. Die Namib-Wüste ist eine der ältesten und auch eine der trockensten Wüsten auf dem ganzen Globus. Dennoch ist die Pflanzenwelt dort, im Brandberg, reicher als man sie in diesem Klima erwarten könnte. Der Brandberg selber hat auch eine Tierwelt, die relativ reich ist, aber sich nur auf ziemlich kleine Tiere bezieht. Das größte, das dort herumläuft, sind rehgroße Antilopen. Es ist auch mal ein Leopard dazwischen, auch das haben wir selbst schon erfahren. Aber im Grundsatz ist die Tierwelt klein - Kriechtiere, Ratten, Mäuse, murmeltierartige Tiere, das ist das was es da gibt. Denn das Ganze ist als Lebensraum darauf angewiesen, daß Wasser von oben kommt. Es gibt dort nur den Regen als Wasserquelle, Quellen im Boden gibt es dort nicht. Der Regen sammelt sich dann in Felsvertiefungen, wo es dann eine Weile verfügbar ist, aber eben trotzdem nicht immer zuverlässig zu finden.

   Die Malereien stammen aus einer Zeit von vor zwei- bis sechstausend Jahren und sind dort eine der ursprünglichen Formen des „sozialen Managements“, das heißt wie die Menschen miteinander umgehen und umzugehen haben, ist auch in den Bildern - verschlüsselt natürlich - niedergelegt. Die Bilder sagen etwas über den Menschen als soziales Wesen. Wir haben es hier mit Jägern und Sammlern zu tun, also Gesellschaften, die nomadisierend gelebt haben. Gesellschaften ohne Führer, ohne politische Macht. Dort war die Kunst vor allem im sozialen Bereich angelegt, in dem Ideal, das man sich vorgestellt hat, wie beispielsweise Männer ihre Rolle zu erfüllen haben, Frauen ihre Rolle zu erfüllen haben. Das ist aber vielleicht zu erwarten, daß so etwas in dieser Kunst zu finden ist. Was aber viel stärker dort ist, ist auch die Rolle des Menschen als soziales Wesen insgesamt, ohne diese Geschlechterrolle, ohne ein spezifisches Alter, ohne einen besonderen Status, sondern wie die Basis des Menschen als soziales Wesen zu funktionieren hat, da ist eigentlich das Kernthema dieser Kunst. Es gibt dort keine Hierarchien, die sich herauslesen lassen, also Leute, die im Status erhoben wären. Es gibt keine Konflikte, die dargestellt werden. Es ist also nicht diese pessimistische Zivilisationssicht oder Sicht des Menschen als Spezies überhaut, daß „der Mensch des Menschen Wolf“ sei, oder daß der Mensch die Natur sich untertan macht. Zu all dem kann die Felskunst in Namibia nicht als Kronzeuge herangezogen werden, sondern es ist vielmehr eine Botschaft von Harmonie, die in dieser Kunst gezeigt wird, die Gemeinschaft, die Gleichheit. Das ist es, was immer wieder betont wird mit subtilen Mitteln, aber ganz verbreitet in der gesamten Kunst. Zu dieser Harmonie gehört dann auch die Harmonie mit der Natur. Beispielsweise sehen wir auch ganz selten Jagdbilder. Ganz wenige Bilder unter Tausenden lassen sich als Jagdszenen interpretieren. Es ist also insgesamt ein sehr harmonisches Bild.

   Jetzt könnte man natürlich fragen: Ist das nicht alles sehr idyllisch gedacht, ist das nicht alles zu idealistisch gesehen? Ich glaube nicht, daß dem so ist. Bei der Auswahl der Bilder, wenn man die jetzt auch noch einmal in diesem Zusammenhang betrachtet, hat Marie doch sogar eigentlich noch die „kitschigeren“ Sachen heraus gelassen. Es ist schon sehr realistisch so, wie die Bilder sind. Vielleicht muß man sich mit dem Gedanken anfreunden, daß es für diese Kunst, für diese ursprüngliche Kunst viel natürlicher ist, wenn sie ein bißchen etwas von diesem Geist des Fernsehens in den 60er Jahren hat, vor dem Beginn des Privatfernsehens. Alles ist ein bißchen einfach und edel und harmonisch gedacht. Aber es ist ja auch gar nicht alles in diesen Bildern und im Leben dieser Menschen eine „gefühlsduselige“ Einigkeit gewesen, sondern die Bilder hatten auch eine Botschaft auf der einen Seite, und dieser Botschaft gegenüber stand eben auch die Realität, der diese Menschen sich stellen mußten. Und in dieser Realität, in dieser Harmonie, die sie sich erwünscht hatten, gab es natürlich auch immer Brüche, und Brüche in dieser Harmonie konnten durchaus lebensbedrohlich sein. Ich habe eben schon gesagt, es ist ein Gebiet am Rande der Wüste. Dort kann jede ökologische Krise - und das ist dort natürlich in erster Linie eine Dürreperiode zum Beispiel, der Ausfall einer Regenzeit kann schon ein ganz lebensbedrohliches existenzbedrohliches Potential haben und damit eine gesamte Gesellschaft, nicht nur den Einzelnen, eine gesamte Gesellschaft in ihrem Bestand bedrohen. Und dann spielt die Felskunst eine ganz wichtige Rolle für diese Menschen. Sie hatten sich damit selbst ein Mittel an die Hand gegeben und sich selbst geschaffen, um ihre Handlungsfähigkeit in Situationen der Krise zu wahren, das heißt auch in einer Situation, wenn die gesamte Gesellschaft als Ganzes bedroht ist in ihrer Existenz, in ihrem Bestand, daß sie dann handeln konnten, etwas tun konnten, was diesem Zustand positiv zuträglich sein konnte. Also zumindest die Stabilität, das Selbstbewußtsein der Gruppe stärken konnte und ihre Handlungsfähigkeit auf der Ebene der Riten und der Zeremonien zumindest noch erhalten konnte.

   In dieser Botschaft, diese Harmonie mit der Natur, dieses Idealzustandes der Natur, haben sie auch eine Achtung vor der Natur ausgedrückt und sie haben mit dieser Achtung auch praktisch gelebt, das heißt wir sehen das dieser Natur, diesem Lebensraum, dieser Urlandschaft gar nicht weiter an, daß dort Menschen über 30.000 Jahre gelebt und gesiedelt haben, außer eben, daß wir diese Kunstwerke haben. Dieser gesamte Naturraum ist eine riesige, gigantische Galerie, und das ist alles, was von diesen Menschen hinterlassen wurde an Änderungen an der Natur. Damit ist unser unverdientes Erbe heutzutage - wir haben ja nun keine Verdienste daran - dieser untergegangenen Kultur eine unberührte Urlandschaft mit Tausenden von Kunstwerken, die sich darin finden. Wer würde es in so einem Zusammenhang wagen, und gerade mit Blick auf unsere Zeit, jetzt noch von „Primitivität“ zu sprechen oder von einer „hohen“ gegenüber einer „niedrigen“ Zivilisation. Das wären ja dann Begriffe, die sehr in Frage zu stellen sind, wenn man sieht, wie bestimmte Gesellschaften ihre Hinterlassenschaften gestalten.

   Die Felsbilder sind also eine Jahrtausende alter, gleichberechtigter Bestandteil der Natur und die Bedeutung kommt eben aus der Verbundenheit mit der Natur. Weder die Natur noch die Kultur - das sind ja nun die Bilder - kann man isoliert betrachten oder auch isoliert für sich jeweils verstehen. Deswegen bedeutet es auch, daß Naturschutz in diesem Sinne auch Kulturschutz verkörpern muß in einer solchen Gegend. Daher ziehe ich jetzt aus dieser Ausstellung auch eine persönliche Botschaft, die ich gerne weitergebe und gerne ausposaune und jedem wärmstens ans Herz lege, und da ist es auch kein Zufall, daß diese Botschaft gleichzeitig eine goldene archäologische Regel ist, die auf jedem archäologischen Fundplatz Gültigkeit hat und letzten Endes auch dem Naturschutz dient. Die goldene Regel lautet: „Hinterlassen Sie nichts weiter als Ihre Fußspuren und nehmen Sie nichts anderes mit als schöne Bilder!“