K e r s t i n   S t r e m m e l







Earthwork and beyond oder Eine Landsehaft für mich

 

 

"Oder schau ich hinauf zum Berge, der mit Gewölken
Sich die Scheitel umkränzt und die düstern Loken im Winde
Schüttelt, und wenn er mich trägt auf seiner kräftigen Schulter,
Wenn die leichtere Luft mir alle Sinne bezaubert
Und das unendliche Thal, wie eine farbige Wolke
Unter mir liegt, da werd' ich zum Adler, und ledig des Bodens
Wechselt mein Leben im All der Natur wie Nomanden den Wohnort."                                        

(Friedrich Hölderlin)

 

 

 

 

 

 

 

 

Schon die Einzelbilder lassen ahnen, dass sich da ein eigenwilliger Mensch die Welt erwandert: Korrekt im Jackett über einem Hemd, an dem manchmal die Manschettenknöpfe blitzen, trudelt er über Gras, Schnee und Steine; in Sandalen statt in Wanderschuhen sucht er Verstecke hinter Bäumen, irrt durch Gestrüpp oder presst sich geschmeidig gegen einen Hügel. Bei all diesen Erkundungen geht der Körper jedoch nicht in seiner Umgebung auf, sondern scheint Zeichen zu setzen, die wir Zuschauer, manchmal mit Hilfe der Bildtitel, zu enträtseln suchen und die manchmal so erratisch und dennoch vorbestimmt bleiben, wie der auch von Weber als Vergleich gewählte Vogelflug. Dieses System aus Bewegungen, das, wie "hinter unten sehen", von der Neugierde an der Interaktion von Mensch und Natur gelenkt wird, kann vom Ausdruck vorsichtiger Erkundung bis zum entfesselten Laufen gehen, wenn da, "zu beginn", einer um die Ecke biegt, seinem Schatten hinter- herzulaufen scheint. Ob es möglich ist, den unversöhnlichen Gegensatz zwischen Körper und Geist aufzuheben, indem der Mensch sich der Natur auf so verschiedene Weisen nähert?

   Die intuitiven Findungen von Weber stimmen verhalten optimistisch, einen Versuch scheint es wert zu sein. Dabei erinnern seine Fotografien einerseits an einen "Klassiker" der so genannten Body-Art, Klaus Rinke, dessen Experimente mit körperlicher Bewegung und Pose jedoch einer ungleich strengeren Choreographie folgen. Eher noch mag man, auch was den Sinn für plausible Sonderbarkeiten betrifft, an Valie Exports "Körperkonfigurationen" aus den siebziger Jahren denken, die sie selbst als?sichtbare externalisierungen innerer zustände durch konfiguration des körpers mit seiner umgebung" bezeichnet hat. Weber lässt sich jedoch stärker vom vorhandenen Raum beeinflussen, sein Körper scheint die Situationen zu spiegeln, denen er sich erfahrungssüchtig und experimentierfreudig aussetzt, ohne dass es um Selbsterfahrung, eher schon um Welterfahrung geht. Verständlich ist, dass der Künstler seine Herangehensweise weder Performance noch Inszenierung nennen mag: Am ehesten könnte man ihn vielleicht als originellen Resonanzkörper nachvollziehbarer Alltagssituationen bezeichnen, einen Resonanzkörper, der Provisorisches zulässt und ein sicheres Gespür für den Blick auf sich selbst hat.

   Äußerst unprätentiös und unaufdringlich poetisch sind die Schwarzweiss-Aufnahmen im kleinen Format, bei denen auch das technische Verfahren Eingang ins Bild findet: Das Auslöserkabel zeichnet sich häufig präzise auf dem Boden ab, scheint manchmal, wie der Darsteller selbst, Zeichencharakter zu haben - die mühelose Leichtigkeit mancher Bilder wird nicht vom Entstehungsprozess abgekoppelt. Doch der Charme der Fotografien hat nichts Kalkuliertes, und es geht nicht darum, das was vorhanden ist zu verändern, sei es durch noch so kleine Eingriffe wie die, für die manche Land Art-Künstler bekannt sind, Richard Long etwa, der seine Spuren im Gras hinterlässt. Bei Weber geht nicht nur um die künstlerische, sondern auch um die persönliche Präsenz, mit der er sich in die Welt und ins Bild einschreibt. Beständig ist das Flüchtige.

 

> Text zu der Ausstellung von Herbert Weber
»Bin gleich wieder da« am Erdrand