J o a c h i m   R ö n n e p e r






SO SO    Anthologie zur Ausstellung

 

Vorab zur Ausstellung SO SO möchte ich Ihnen die Personalie von Norman Junge, der in der Weihnachts- und Vorkriegszeit, sprich am 18. Dezember 1938 im Kieler Stadtviertel Garden als Frühgeburt ziemlich früh am selbigen Tag zur Welt kam, mitteilen: Norman Junge - sein Körpergewicht ist unerheblich, sein Gang beweglich, sein Charakter charakteristisch, seine Haltung naturgemäß aufrecht, seine politische Gesinnung fleischfarbend.

Die Beschreibung der Personalie lehnt sichzum Teil wortwörtlich an
den Komiker Karl Valentin und den Nervenarzt Sigmund Freud an.

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Wenn ich den Mops meiner Geliebten zum Verwechseln ähnlich abzeichne, habe ich zwei Möpse, aber noch lange kein Kunstwerk.

Johann Wolfgang Goethe

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Wenn ich einen Hund sehe, streichele ich ihn mit der linken Hand, denn wenn er mich beißt, kann ich noch mit meiner rechten malen.

Juan Gries

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In der Kunst kommt es nicht darauf an, dass man Eier und Fett nimmt, sondern dass man Feuer und Pfanne hat.

Karl Kraus

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so ist es

so ist es
sagt man

ein baum zum beispiel
ist so

so ist ein baum

und ein baum ist nicht so
und alles ist nicht so

so ist es

Peter Bichsel

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Ein Berliner Bürger geht mit seinem Sohn durch die Bildergalerie. "Det is en hübsches Bild, Vater ." - "Ja, det is Allejorie, nennt man des, was uf deutsch unjefähr durch als ob zu übersetzen wäre. Verstehste mir?" - "Als ob?" - "Ja." - "Nee." - "Ja, wenn ick dir sage als ob, denn kannste dir drauf verlassen! Allejorie is uf deutsch so viel wie als ob, nämlich als ob Ideen Fijuren wären:"

Adolf Glaßbrenner, Schriften (1846)

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Rechenaufgabe für die Unterstufe

Im Museum
sitzt Kolumbus
und köpft stündlich sein Ei.
Berechne,
wieviel Geistesblitze
Kolumbus der menschheit schenkte
seit 1493
und wieviel davon fallen
auf uns
pro Kopf.

Friedrich Christian Delius

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Der schlechte Schüler

Mit dem Kopf sagt er nein
doch er sagt ja mit dem Herzen
er sagt ja zu allem was er liebt
er sagt nein zu seinem Lehrer
er steht aufrecht
man befragt ihn
und alle Aufgaben sind gestellt
als plötzlich
ein tolles Lachen ihn befällt
und er löscht alles aus
die Wörter und die Zahlen
die Daten und die Namen
die Sätze und die Qualen
Und den drohungen des Lehrers zum Trotz
unter dem Geschrei der Wunderkinder
zeichnet er mit Kreiden und Farben
auf die schwarze Tafel des Mißgeschicks
das Angesicht des Glücks.

Jacques Prévert

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Luftplastik

Stelle dich auf gutbeleuchteten Platz
betaste den Luftblock vor die
drehe ihn ein paar Mal herum
trete zurück
zieh deinen Arbeitsmantel über
zünde dir eine Zigarette an
schalte das Radio ein
nimm das werkzeug auf
und fang an zu hauen
nach einiger Zeit gehe weg
und komme mit einem Zahntocher zwischen den Zähnen
und einer Flasche in der hand zurück
und setz deine Arbeit fort
Trete etliche Male von der Statue zurück
verbessere Details
schau plötzlich auf die Uhr
lege Hammer und Meißel nieder
zünde dir noch eine an
gieß dir Wein ein
trinke
setz dich auf einen Stuhl
und betrachte lange
wie behext
mit dem Glas in der Hand
was du gemacht hast

Jiri Kolár

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Der Traum des Kindes

Es ist Nacht.
Ein dunkler Hof.
Ein Haus mit weißen Wänden.
In der Stube schläft ein Kind.

Hinter dem See erhebt sich ein Wind.
Es erwacht der Baum auf dem Hof
und tritt in den Traum des Kindes.
Und wächst brausend.

Schon berührt sein Wipfel die decke des Himmels,
seine Zweige breiten sich über die Erde,
und das Kind sieht:

auf den Zweigen des Baumes ist eine Kirche, ein Haus,
eine Kuh, ein Schaf, ein Pferd,
die Hähne krähen
und auf einem Zweige
sitzt derselbe Schuster,
der gestern auf der Stubenbank
Schuhe flickte für das Kind.

Weder singt die Mutter,
noch die Orgel der kirche, noch auch die Engel
singen wie die Blätter des Hofbaumes.
Und das Kind weiß:
das Dach der Welt fällt nicht herunter,
der Rand der Welt stürzt nicht auf den Kopf,
solange die Äste des Hofbaums
sie in ihren Händen halten.

Marja-Liisa Vartio 1924, aus dem Finnischen von Friedrich Ege

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Friedrich Fröbel

Er war sehr häßlich,
sein Gesicht
war halb Faustkeil, halb Fledermaus.
Aber er war ein milder,
ein guter Erzieher der Kinder.
Sein Lehrer war Pestalozzi gewesen.

Friedrich Fröbel erdachte Spielzeug.
Er schrieb "Mutter- und Koselieder".

Den Neugebornen gab er einen weichen Ball.
Wenn sie größer wurden,
eine hölzerne Kugel.

Dann kam ein hölzerner Würfel hinzu,
dessen Kanten so groß
wie die Achse der Kugel sind.

Die Würfel wurden in Würfel geteilt,
und die Würfel des Würfels zu Tafeln.
Manche teilwürfel diagonal.

Spiel- und Beschäftigungsmittel,
Erkenntnis- und Schönheitsformen.

Er legte Weltanschauung ins Spielzeug.

Zuletzt bekamen die Kinder Bausteinchen,
aus denen sie Häuser und Kirchen bauten.

Dieter Hofmann

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knochenspielzeug

knochenspielzeug: ein kind spielte gern mit knochen. es baute burgen daraus und zerstörte sie wieder mit knochen. und es wurde groß, blieb aber schwach und hager. und es schnitzte nun flöten aus den knochen. darauf spielte es immerfort und aß nicht und spielte. bis es ganz und gar vom fleische gefallen war und nur noch aus eitel knochen bestand. da starb es und seine knochen lagen da und bleichten in der sonne. bis ein kind vorbei kam, das gerne mit knochen spielte. das hob sie auf und baute burgen daraus.

Gerhard Rühm

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Das ende der kunst

Du darfst nicht, sagt die eule zum auerhahn,
da darfst nicht die sonne besingen
Die sonne ist nicht wichtig

der auerhahn nahm
die sonne aus seinem gedicht

Du bist ein künstler,
sagt die eule zum auerhahn

Und es war schön finster

Reiner Kunze

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Die Kinder verstecken sich

Die Kinder verstecken sich hinter den Beerenbüschen
Die Kinder verstecken sich hinter einem Holzstuhl
Die Kinder verstecken sich hinter einem Käfer
Die Kinder verstecken sich hinter einem Vater und einer Mutter
Die Kinder sagen ticktack
Die Kinder sagen sumsum
Die Kinder verstecken sich hinter ticktack und sumsum
Die Kinder verstecken sich hinter der Sonne

Elisabeth Borchers

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Maikäfermalen

Setze Maikäfer in Tinte. (Es geht auch mit Fliegen.)
Zweierlei Tinte ist noch besser, schwarz und rot.
Laß sie aber nicht zu lange darin liegen,
Sonst werden sie tot.

Flügel brauchst du nicht erst rauszureißen.
Dann mußt du sie alle schnell aufs Bett schmeißen
Und mit einem Bleistift so herumtreiben,
Daß sie lauter komische Bilder und Worte schreiben.
Bei mir schrieben sie einmal ein ganzes Gedicht.

Wenn deine Mutter kommt, mache ein dummes Gesicht;
sage ganz einfach: "Ich war es nicht!"

Joachim Ringelnatz

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Alles über den Künstler

Der Künstler geht auf dünnen Eis.
Erschafft er Kunst? Bur er nur Scheiß?

Der Künstler läuft auf dunkler Bahn.
Trägt sie zum Ruhm? Führt sie zum Wahn?

Der Künstler fällt in freiem Fall.
Als Stein ins Nichts? Als Stern ins All?

Robert Gernhardt

 

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Kinderzeichnung

Du hattest ein viereck gemalt,
darüber ein dreieck,
darauf (an die seite) zwei striche mit rauch -
fertig war
DAS HAUS

Man glaubt gar nicht,
was man alles
nicht braucht

Reiner Kunze

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So, so ! —

Vier Maurer saßen einst auf einem Dach.
Da sprach der erste: "Ach ! "
Der zweite: "Wie ists möglich dann ? "
Der dritte: "Daß das Dach halten kann !!! "
Der vierte: "Ist doch kein Träger dran !!!!!! "
Und mit einem Krach
Brach das Dach

Kurt Schwitters

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