A n n e l i e   P o h l e n





Ohne Titel

 


I
ch freue mich, im kleinen Kreis etwas zu Jochen Lemperts Arbeit sagen zu können, weil das Werk von Jochen Lempert sehr viel bedeutet in meiner Reflexion über das, was künstlerische Arbeit sein kann." Seit Jahren interessieren mich die Überschneidungen zwischen einer gängigen Vorstellung von Wissenschaft , also die Erforschung von Wirklichkeit und Kontexten in denen wir stehen, in denen wir uns entwickelt haben, von denen wir betroffen sind oder betroffen sein können in der Zukunft, und einer Art des Arbeitens, die ich gerne 'kreative Wissenschaft' nennen möchte. Zu diesem letztgenannten Bereich zählt aus meiner Sicht die Arbeit von Jochen Lempert. Angefangen hat unsere Zusammenarbeit im künstlerischen Bereich nach langer persönlicher Bekanntschaft durch die Entdeckung seiner künstlerischen Arbeit anläßlich der Jury des Kunstfonds. Diese Entdeckung war wesentlich für den Start der Reihe ‚Bon direct' im Kunstverein in Bonn, bei der es darum ging, eine überregional relevante Plattform für die Künstler vor Ort zu entwickeln. Von dort führte die Zusammenarbeit ganz schnell, was auch wichtig für die Ausstellung, in der wir uns hier befinden, weiter zu einer Ausstellung, die ich ‚Berechenbarkeit der Welt' genannt habe. In diesem Kontext ging es darum, Formen und Konzepte der kreativen Wissenschaft in der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit darzustellen am Beispiel von zwei Generationen von Künstlern. Darunter eben auch die 1996 noch jüngere Generation wie Jochen Lempert , Mark Dion, Carsten Höller, Patrick van Caeckenbergh und andere in Beziehung zu Künstlern und Künstlerinnen der älteren Generation wie Hanne Darboven, Rune Mields, On Kawara, Alighiero e Boetti, um nur einige zu nennen. Auffällig mit Blick auf die jüngere Generation war die sehr starke Auseinandersetzung mit dem, was man gemeinhin ‚Naturwissenschaft' nennt, was aber inzwischen eine grenzüberschreitende Wissenschaft ist, die zwischen medizinischer Wissenschaft, Naturwissenschaft, Evolutionstheorie u.a. hin und her pendelt, respektive auch kooperativ arbeitet. Jochen kommt aus der Wissenschaft, war insofern ein typischer Fall, wie auch Carsten Höller oder Mark Dion oder Fabryce Hybert. Es geht um das Nachdenken über den Standort der existentiellen Entwicklung, bei welchem sich die einzelnen Künstler ihre Territorien gesucht haben, auf denen sie forschen. Das war der entscheidende Punkt für diesen schlagwortartigen Titel ‚Berechenbarkeit der Welt'. Dieser war bewußt nicht als Frage formuliert sondern als Titel/Statement, welche eine Frage hätten sein können. Es ging um eine Schnittstelle zwischen der angewandten Wissenschaft, die darauf hinsteuert, nach bestimmten Kriterien die Zielvorgaben zu setzen und entsprechend auch diese Kriterien zu erfüllen, indem sie alles andere ausgrenzen und das, was ihnen in dem Bereich als Störfaktor oder minimal erscheint, soweit ausgrenzt, daß es an der Wegstrecke liegen bleibt, auf der einen Seite und der Form von kreativer Wissenschaft, wie sie m.E. eben auch Jochen Lempert betreibt, auf der anderen Seite, Das hat - aus meiner Sicht - damit zu tun, daß Dinge, die in der inzwischen über Jahrtausende entwickelten Wissenschaft als beiläufig eingeordnet auf der Strecke geblieben sind, da man zielstrebig auf einen anderen, für bedeutsamer gehaltenen Punkt hinstrebte . Und so ist es auf der anderen Seite wieder interessant, daß Künstler wie Jochen Lempert eben auch wieder an einer Schnittstelle ansetzen, wo Wissenschaft entstanden ist und wo auch unsere Vorstellungen von Kunst und Museum entstanden sind. Wenn man ins 19. Jh. zurückblickt und die fürstlichen Sammlungen betrachtet, dann sind dies, wenn man so will, in Mischformen von wissenschaftlichen und kulturellen Einrichtungen, aufgefüllt mit Sammlungen von allen möglichen wissenschaftlichen und kulturellen Gegenständen bis hin zum Kitsch. Daß man angesichts mancher dieser Sammlungen von Wunderkammern gesprochen hat, unterstreicht deren Bedeutung für die heutigen Künstler. Es hat zu tun mit dem 'Sich wundern' über das, was sich darbietet als Grundlage unserer optischen Wahrnehmung von Wirklichkeit.

   Jochen Lemperts Werk hat mit diesem Sammeln, also mit einer typisch wissenschaftlichen und auch einer typisch musealen Handlung, zu tun. Sammeln als wissenschaftliche und kulturelle Disziplin setzt voraus, daß man beobachtet, also ganz gezielt wahrnimmt, dieses zusammenträgt, versucht, Ordnung in dieser Sammlung zu erkennen und aus dieser Wahrnehmung heraus, Dinge nach rückwärts und nach vorausschauend zu entwickeln.

   Wenn man nur auf die in dieser Ausstellung präsentierte Ansammlung von Titelblättern des amerikanischen Wissenschaftlers Charles P. Alexander blickt würde man dies an anderer Stelle nicht als Kunst, sondern allenfalls als "Zettelwirtschaft" bezeichnen. Gut - Kopien auf dem Tisch sehen nicht so gut aus wie hier. Die Plazierung an der Wand verhilft ihnen zu einen unglaublichen Präsenz und man ist dann doch verführt, auf diese Titel zuzugehen. Und wenn man ehrlich ist, dann muß man sich zugestehen, daß man immer noch frappiert ist und sich die Frage stellt: "Welche Bedeutung hat das im Rahmen von Kunst?" Man muß auch mit dem Kunstvorbehalt hier hineingehen. Aber in dem Moment, wo es so präsentiert wird, und deshalb halte ich Präsentation auch für sehr wichtig, ist dieser Verweis auf einen Vorgang der Vergangenheit, auf eine Person, die diese Recherche ganz gezielt einem Kleinstlebewesen gewidmet hat, für unsere gängige Vorstellung von Millionen und Milliarden verschlingender Wissenschaft eine Herausforderung. Was heißt Wissenschaft, wenn man sie nicht zielgerichtet auf irgendein großes Ereignis hin richtet. Was bedeutet in diesem Zusammenhang in dieser Ausstellung der unter rein materiellen Gesichtspunkten banalste Gegenstand - andere Arbeiten sehen ja eher wie künstlerische Produkte aus? Diese Auseinandersetzung macht deutlich, was es mit dieser kreativen Wissenschaft von Künstlern tatsächlich auf sich hat. Es geht um eine elementare Strategie, um die Präzision eines Lebenswerkes, das sich über die Betrachtung einer elementaren Zelle der Erforschung einer lebendigen Existenz zuwendet. Diese Grundfrage läßt den Bezug zur Arbeit von Jochen Lempert deutlich werden auch dort, wo seine Formensprache opulentere Züge annimmt.

   Die Fotografie ist ein in allen Bereichen unserer Wahrnehmung wichtiges Instrument der Dokumentation. Also: Sammeln, archivieren, dokumentieren, untersuchen. Mittels seiner sehr eindringlichen Fotoarbeiten thematisiert Jochen Lempert in dieser Ausstellung diese Vorgehensweise eines kreativen Wissenschaftlers. Er 'dokumentiert' ein Archiv außen und innen. Gezeigt wird ein Eisschrank in einem Hamburger Forschungsinstitut, in dem die von einer Wissenschaftlerin untersuchten Onychophora genannten Lebewesen, eine Entwicklungsstufe zwischen Wurm und Insekt, eher Maden, 'überleben'. Wo in der zuvor betrachteten Serie der Kopien von Titelblättern die Erinnerung an die für wissenschaftliche Publikationen des 19. Jahrhunderts charakteristische Erscheinungsform in der ästhetischen Umsetzung eine unglaubliche Poesie erhält, ist es in den Fotoarbeiten das Papier also der Träger des Dokumentes im Zusammenwirken mit dem Bild-Dokument und der Plazierung im Raum, welcher die kreative Ausstrahlung bestimmt.

   Unterstrichen wird dies durch den handschriftlichen Text, der auf diesem altertümlich anmutenden Eisschrank auf den Inhalt verweist - und doch für die Mehrzahl der Betrachter rätselhaft bleibt wie jene Wesen, auf die sich das Interesse der Wissenschaftlerin richtet. Das Innere zeigt die zu erforschenden Lebewesen in Behältern, in denen üblicherweise in solchen Eisschränken auch eingeweckte Heringe oder Bohnen u.a. lagern könnten, auch diese wiederum vom Künstler per Hand beschriftet: erste Reihe aus Neu-Seeland, zweite Reihe aus Tasmanien. Die zwei Medien, die hier aufeinandertreffen - Fotografie und Schrift -, verleihen auf eine nachgerade beiläufige Weise der kreativen Untersuchung eine intensive emotional aufgeladene Präsenz.

   Dieses zusammengenommen, also die Porosität der Fotos, die Sensibilität der Handschrift und dann im räumlichen Bezug dazu die Kopien bewirken über die Inszenierung eine Raumstruktur, die auf verblüffende Weise die skulpturale Qualität des Werkes verstärkt. Die inhaltlichen Vorgehensweisen der Wissenschaftler treffen so auf Strategien, die wiederum künstlerischer Natur sind. Sie finden in jedem wissenschaftlichen Institut Zettel an der Wand. Sie finden in jedem wissenschaftlichen Institut Fotodokumente. Jedes wissenschaftliche Museum würde es so machen. Aber die Kriterien des Zusammentreffens wären völlig anderer Natur. Es wäre nicht mehr das Papier, es wäre nicht diese Art von Aufhängung, es wäre nicht dieses Ping-Pong zwischen der absolut flachen Kopie und einer räumliche Tief suggerierende Präsentation der Foto-Dokumente, deren poetische Suggestion verstärkt wird durch die Schrift, die ja ein Begriff oder ein Wort lanciert, den man, wenn man motiviert ist durch diese Arbeit, auch als einen Terminus aus der Wissenschaft identifizieren würde. Es wirkt zunächst einmal rätselhaft, poetisch, hat diese Touch des frühen Museums, der frühen Wissenschaft, des Sich-wunderns über das, was tatsächlich gegeben ist. Die kreative Wissenschaft des Künstlers wird in dieser Art von Präsentation deutlich.

   Sie finden in dieser Ausstellung eine für mich hochinteressante Werkgruppe, in der Jochen Lempert zum gegenwärtigen Zeitpunkt das weiterverarbeitet, was den Kern seiner wissenschaftlichen und künstlerischen Untersuchungen ausmacht: Was bedeutet Existenz? Was bedeutet Energie? Es geht um ein Forschungsprojekt über Windmühlen, Windkraftwerke auf dem Meer, es geht Luft, Wolken, Wasser, Energieaustausch, Lebewesen, also vor allem Zugvögel und ihre zukünftige Existenz zwischen den Energieträgern. So finden wir Skizzen und Fotoarbeiten mit Einzeichnungen, in welchen das mit der Kamera Festgehaltene - ein Vogelzug über der Meeresfläche - weiter fortgeführt wird durch minimalistische zeichnerische Eingriffe, welche die Strukturen des Vogelfluges fortsetzen und dessen Vorbildhaftigkeit für die Erfindung des Flugzeuges in Erinnerung ruft. Die suggestive Reflexion über die Bedeutung der vom Menschen unterschätzten Lebewesen für die eigene Existenz, die aus jahrtausendjährigem Überlegenheitsdünkel resultierenden Fehlleistungen in der sogenannten zivilisierten Gesellschaft thematisiert Jochen Lempert in immer fortschreiten Entwicklungen seiner Fotografie, des Umgangs mit der Fotografie, in dem er auch auf den Kenntnisstand und die Intensität von Forschung am Rande der linearen Entwicklung zurückgreift und diese weiterentwickelt, eindringt in unsere Reflexionen und dafür Bilder und Ausdrucksweisen findet, die auch emotional herausfordern.

 

> Text zu der Ausstellung von Jochen Lempert
»Industrielandschaft - Fotografien« am Erdrand