L u c a s  G e h r m a n n






Immerhin lädt er uns ein

 

 

Hausarbeiten sind, ob zwecks Erlangung eines akademischen Grades verrichtet oder zum "Management des häuslichen Alltags" durchgeführt, keine Lohnarbeit(en). Für letztere Version gilt laut Wikipedia: "Die von der Hausfrau oder (seltener) vom Hausmann verrichtete Hausarbeit ist keine Arbeit im Sinne des deutschen Arbeitsrechts, d. h. sie wird nicht entlohnt und sie ist nicht sozialversicherungspflichtig."

   Mit der Kunstarbeit verhält sich das ähnlich. Nur als Auftragsarbeit kann Kunstarbeit auch Lohnarbeit sein. Das Potenzial auftragsloser Kunstarbeit, ein Produkt hervorzubringen, das allenfalls und irgendwann einen Käufer oder eine Käuferin findet, macht sie allein noch nicht zur Lohnarbeit. Auftragslose Kunstarbeit ist daher eher Lotterie-Arbeit als Lohnarbeit. Dem Lotto-Einsatz entspricht der Arbeits- und Materialaufwand für die Kunstproduktion, alles weitere ist Glückssache. Das Potenzial der Kunstlotterie-Arbeit, das Glück durch Aktivierung von Kunstvertriebs-, -vermittlungs- und -publikationsnetzwerken manipulieren zu können, macht sie allein noch nicht zur Lohnarbeit. Abgesehen auch davon, dass solche Manipulationsversuche erheblicher und ihrerseits unentlohnter Aufwendungen bedürfen, dreht sich das Kunst-Glücksrad fast ausnahmslos ausschließlich im Kreise des Kunstbetriebssystems, das sich von anderen Gesellschaften als jener der Kunstgesellschaft abzirkelt oder von diesen ein- und abgezirkelt wird, um, statt das Potenzial künstlerischen Denkens für die Fort-Konstruktion von Gesellschaft zu nützen und also einzubinden, auf die von der Kunst einst errungene Freiheit zurückzuverweisen, damit sie, gehätschelt etwas von bildungsbewussten PolitikerInnen und imagepflegebedürftigen Wirtschaftstreibenden, ihre Freiheit im Reservat des Kunstbetriebs und eben am besten nur dort ausleben möge. Was auch besagt, dass der Radius des Glücks in der Kunst auf die Kunst limitiert ist.

   Hansjörg Lohn, der schon vor über 15 Jahren mit seiner Wiener Ausstellung Mehr Lohn möglicherweise auf dieses Phänomen hingewiesen hat, bewegt sich mit seiner Nicht-Lohnarbeit der Haus.Arbeiten nicht nur am Erdrand, sondern auch am Rand des Kunstbetriebssystems. Insofern nämlich, als er die innerhalb des Kunstbetriebssystems sich vollziehenden Mechanismen der Bedeutungsstiftung und damit Wertsteigerung von Kunst via kollektiven Verständnisses für je zeitlich (und kaum noch örtlich) differenziert auftauchende bestimmte oder auch konvenierende Strömungen allenfalls beobachtet, sie für seine eigene Kunst-Arbeit aber nicht weiter beachtet. Dieses lohnsche Am-Rand-Agieren bringt den großen Vorzug mit sich, unbefangen bleiben zu können und diese Unbefangenheit vor allem auch in den BetrachterInnen seiner Arbeiten freisetzen zu können. Hansjörg Lohns Haus.Arbeiten erfordern so wie seine anderen Arbeiten von uns RezipientInnen nicht mehr als das, was er selbst auch tut: Die Dinge und Erscheinungen, die uns umgeben oder deren Teile wir sind, genau zu betrachten und bei ihrer Betrachtung der Besonderheiten und wohl auch Absonderlichkeiten dieser Dinge, Erscheinungen und ihrer Zusammenhänge mit anderen Dingen, Erscheinungen und mit uns selbst gewahr zu werden.

   Hansjörg Lohn hilft uns dabei gelegentlich auf die Sprünge, indem er kleine Eingriffe vornimmt in die von ihm dokumentierten Ausschnitte von Welt, Eingriffe, die ihrerseits oft erst "entdeckt" werden müssen. Diese meist hand- oder stempelschriftlichen Eingriffe könnten als Positions-Markierungen seiner eigenen, persönlichen Sichtweise gelesen werden, als Markierungen also auch einer subjektiven Sicht innerhalb von Bildern (Fotografien, Video-Aufnahmen), die, bedingt durch ihre Aufnahme durch den Künstler bereits ihrerseits subjektiven Charakter haben, dabei zugleich aber etwas zeigen, das von uns aufgrund uns gedächtnismäßig eingeschriebener vergleichbarer Dinge und Erscheinungen "objektiviert" werden kann (ein Haus, ein Gebüsch, ein Schatten etc.). Hansjörg Lohns Eingriffe legen also gleichermaßen über die Schicht der Subjektivität des Bildausschnitts (von Wirklichkeit) eine Schicht der Subjektivität der inneren Sicht(-Möglichkeit) auf denselben. So besehen liefern sie auch Hinweise darauf, dass stets mehrere "Wirklichkeiten" sich konstituieren: mindestens nämlich jene der übereinkünftlich vollziehbaren "Objektivierung" von Subjektivität und jene der singulär-subjektiv vollzogenen Interpretation des Wahrgenommenen. Schön, dass die Sprache der Kunst solch Gedankenwerk viel einfacher auszudrücken vermag als die Sprache der Schrift - wobei dahingestellt sei, ob es Hansjörg Lohn nicht vielleicht um etwas ganz anderes geht. Immerhin lädt er uns ein, an seinen Haus.Arbeiten weiterzuarbeiten.

> Text zu der Ausstellung von Hansjörg Lohn
»Haus.Arbeiten« am Erdrand