H a r t m u t   K i r c h n e r






Karins Halle

 


W
ir treffen uns, um Bilderfindungen des Malerpaars Ina Barfuss und Thomas Wachweger anzuschauen. Dazu von mir eine kleine Einführung, die sich in drei Teile gliedert:

       1 Mein Kennenlernen der Bildwelten von Ina Barfuss und Thomas Wachweger
       4 Karins Halle
       3 Malerische Aspeke


1  
Ina Barfuss und Thomas Wachweger sind auf bewegter Mal-Reise nach Irgendwo und durch die Zeiten. Von Resignation und Sackgasse jedoch keine Spur: ausdauernd, unnachgiebig und lustvoll sind sie aus auf Bilderfindungen, die Menschen in Beziehung zu sich selbst, zu anderen, zu Natur und Kultur, zu ihren politischen und gesellschaftlichen Bedingungen reflektieren.

   Meine erste Erfahrung mit den Bildwelten von Ina Barfuss und Thomas Wachweger machte ich 1985 im Ulmer Museum, einer Mittelstadt ca. 100 km südlich von Stuttgart. Damals kam ich schwerpunktmäßig mit der Seherfahrung der sogenannten "reinen Kunst", d.h., Farbe und Form - gestisch expressiv oder minimalistisch reduziert - genügten sich selbst und suggerierten Freiheit, Fortschrittlichkeit und Modernität. In der Ausstellung "Die Kunst der Triebe" sah ich auf teilweise großen Formaten verknäulte, hell- und dunkelhäutige Menschenkörper, Gefäße, Anker, Ruder, Trichter, Edelsteine, Münzen und Fackeln, Beile, Dolche und Totenköpfe, ein expressives, archaisches, mythologisch-verschlüsseltes Bildvokabular, das seine maltechnische Entsprechung in rohen Konturen, herben Farbtönen und häufiger Diagonalität im Bildaufbau fand.

   Meine Reaktion war ambivalent: Ich spürte, dass ich hier einer in sich stimmigen Bildwelt begegnet war, und ich spürte gleichzeitig, dass hier Anstrengung zu investieren war, um dem Chiffrierten näherzukommen. Das Grobe, Bizarre und Trashige, gewollt Schmutzige von Inhalt und Malweise zog mich an und stieß mich in einer widersprüchlichen Faszination ab.

   Damals war ich in einer Phase, in der ich mein leben neu zu sortieren, stark verändern und neu gewichten mußte. Wenig später hingen in meiner Wohnung einpaar der großformatigen schwarz-weiß-Holzschnitte von Ina Barfuss aus der Griffelkunst. Ich konnte stumme Dialoge mit ihnen führen und je nach meiner Befindlichkeit den Dildsymbolen Projektionen anheften, die ich verwerfen oder abändern konnte. Ich stellte fest, ich kann über lange Zeit mit diesen Bildern leben, ohne dass diese ihre geistige Kraft und ihre Verrätselung für mich verlieren. Sie bewahren ihre vielfältigen Bedeutungsebenen, die sie zu idealen Projektionsflächen für das Nach- und Wiedererschaffen im Betrachter machen. Trotzdem verzichten sie nicht auf eine pointierte, groteske, humorvolle, aggressive, zärtliche oder entlarvende, aber eben verrätselte Bildaussage.

   Inzwischen sind in 15 Jahren aus dem jeweils eigenständigen Einzelwerk, aber auch aus dem vierhändigen Gemeinschaftswerk ein paar Bilder bei mir dazugekommen. Auf jeden Fall habe ich die These des geistigen Gehalts und der verrätselten Würde der Bilder jahrelang überprüft. Nach meiner Meinung stimmt sie.


2  
Und nun dieser Titel: "Karins Halle". Er bietet eine Verständnisebene für die Bilder an. Der unterlegte sprachliche Assoziationsteppich ist selbst eine verdeutschte Version von "Carinhall" mit C und zusammengeschrieben, dem Jagdsitz eines bekannten preußischen Ministerpräsidenten, einem späteren Reichsmarschall, dem Chef der Luftwaffe, dem 2. Mann der Nazi-Garde, Sie ahnen oder wissen es: Hermann Göring. Seine 1931 an Lungenentzündung früh gestorbene schwedische Frau Carin, eine leidenschaftliche Liebe, die mit ihm für Hitler und nationales Gedankengut schwärmte und ihn in den braunen Anfangswirren nach dem 1. Weltkrieg mit ihrem Vermögen über Wasser hielt, gab dem Repräsentations- und Selbstinszenierungssitz Görings in der Schorfheide nördlich Berlins den Namen. Schon 1934 wurde ihr Sarg in einer Choreografie Goebbels unter Anwesenheit Hitlers nach Carinhall - heute würde man sagen in einem Event - überführt.

   Unter acht Wohnsitzen war dieser Görings wichtigster: Aus der ursprünglichen Jagdhütte (1933-36) wurde bis 1937 ein 107 Meter langer Herrensitz
mit prunkvoller, gekaufter und geraubter Kunst (einige Namen: Lukas Cranach, Baldung Grien, Franz Hals, Jan Stehen, Rubens, Tintoretto und Canaletto, Corot und Courbet u.v.m.)
mit lebenden Junglöwen, um Staatsgäste wie Mussolini zu beeindrucken
mit 2 großen elektrischen Eisenbahnanlagen auf dem Dachboden und im Keller, die Göring Hitler vorführte
mit einer nahen, zum Schutz und zur Täuschung aufgestellten und beleuchteten Carinhall-Attrappe, als sich der Untergang des Nazi-Reiches in den Luftangriffen andeutete
mit irrealen Plänen noch im Januar 1945, als ein Museumsanbau, das Hermann-Göring-Museum zum 60. Geburtstag, für eine Kapazität von 1200 Gemälden geplant war

   Das Ende Carinhall's war die von Göring angewiesene Sprengung mit 22 Fliegerbomben am 28. April 1945, als die Rote Armee anrückte

   Instinktsicher haben Ina Barfuss und Thomas Wachweger mit "Karins Halle" einen Nerv für Assoziationen getroffen. Er ist ein Symbol für
Nationalistischen Machttrieb und Untergang
Verknüpfung von politischer Macht und kultureller Macht
Für Größenwahn und Realitätsverlust (Göring war Morphinist)
Für Sinnlichkeit, Geselligkeit und Jagdgeschäft (hohe DDR-Funktionäre hatten später auch ihre Jagdgebiete hier)

   Und so, wie ich Ina Barfuss und Thomas Wachweger kenne, haben sie uns dieses Motto aufs Hirn gedrückt, weil an manchem momentanen Weltplatz das Nationalistische und Ideologische sein destruktives Spiel betreibt und auch die kleinen Görings und Carins in uns unter die Lupe geraten dürfen.


3  
Nur noch kurz ein paar Gedanken zur Malerei der beiden: Rhythmisch unterteilt, sequenziert führt uns Thomas Wachweger in die Höhlung und Tiefenschichten seiner Bilder. Er hat seit einiger Zeit dem länger dominanten weiß-grau-schwarz eine Farbigkeit an die Seite gestellt, die die grandiosen Ruinen des Schreckens, die differenzierte Vielfalt seiner Gesichter, Engel und armen Schweine (oder sind es Hunde?) kostbar ausstaffiert. Dabei jongliert der Assoziationsvirtuose mit vielen Gegensätzen: Undurchdringliches - Transparentes, Totes - Lebendiges, Irdisches - Heiliges, Maskenhaftes - Individuelles, Zerstörung und Neubeginn u.a.m.

   Jongliert wird auch bei Ina Barfuss. Souverän wirbeln ihre Frauengestalten mit Kulturgefäßen, tragen schwere Kopflast und präsentieren busenwärts ihren Kinder-Schatz. Ihre Körper werden zu grimmigen Trichtergefäßen oder mutieren zu steifen Umarmungsmonstern.

   Ina Barfuss unterlegt seit geraumer zeit ihren Gouachen lineare, skripturale und ornamentale Schichten, die die Bilder transparenter und gleichzeitig verwirrend-differenziert machen. Die früher starke Flächigkeit wird auf den ersten Blick verwirrend vielschichtig.

Und nun viel Spaß. Schauen Sie genau hin, es gibt viel zu tun.

 

> Text zu der Ausstellung von Ina Barfuss und Thomas Wachweger
     »Karins Halle - Zeichnungen und Mehr« am Erdrand