H e l g a  M e i s t e r






Inseln der Träume

 

 

 

Wer in einer Suchmaschine den Begriff “Idylle" eingibt, bekommt unzählige Verweise auf Ferienwohnungen und Ferienhäuser. Sie liegen in der Regel am Wald, am Meer oder an der Hanglage eines Berges. Die Ruhe des Ortes wird stets betont. Denn wie einst in der bukolischen Poesie des griechischen Dichters Theokrit spielt die Idylle auch heute noch eine Rolle im beschaulichen, wenn auch nicht immer ländlichen Leben.

   Bei Tina Hauser verwundern allerdings Landschaften, Gärten und Parks, denn die Künstlerin ist nicht für verklärende Postkarten-Motive bekannt, sondern eher für Großbild-Aufnahmen gärender, verwesender Abfallberge in den Katakomben der Müllverbrennungsanlagen. Sie bewappnete sich bis vor wenigen Jahren für ihre Motive mit einer säurebeständigen Kluft, mit Gummistiefeln, Atemschutzmaske und Detektoren, um in die moderne Unterwelt abzutauchen. Nun macht sie durch das Gegenteil, durch “Tina Hausers Idyllen", auf sich aufmerksam. Wer die Schweizer Bildhauerin und Fotografin kennt, weiß, dass er ihren lieblichen Orten nicht allzu viel trauen darf. Die Meisterschülerin von Klaus Rinke liebt es subversiv. Vom Müll zur begrünten Müllaufschüttung ist es bei ihr nicht weit.

   Im Jahr 2003 hielt sie sich in Japan auf und reiste nach Yumenoshima, was so viel wie “Insel der Träume" heißt. Es handelt sich um eine künstliche Insel, die 1999 in der Tokyo-Bay komplett aus Müll aufgeschüttet worden ist. Daraus entwickelte sie ihre Serie “A garden of pleasures", "Ein Garten der Freuden".

   Sie stieß auf einen kleinen Altar mit Plastikblumen in armseligen Petflaschen. Er erinnert an Personen, die auf dem Eiland unter eigentümlichen Umständen gestorben sind. Ein anderes Motiv zeigt ein klassisches Landschaftsbild im Zedernwald, in Anlehnung an japanische Tuschen - allerdings mit dunklen, gebogenen Entlüftungsrohren im Vordergrund. Sie traf auf Palmen, die zu jedem Urlaubsort gehören, diejenigen in Yumenoshima aber müssen gestützt werden. Auf weiteren Fotos von Yumenoshima taucht ein Pilzkreis auf, ein sogenannter Hexenrkreis, der nach zwei Tagen wieder verschwindet. Oder der Blick führt an Palmwedeln vorbei bis zum Schornstein der Verbrennungsanlage im Hintergrund, der wie eine Landmarke in den diesig-blauen Himmel mit den Schäfchenwolken ragt. Nicht ganz geheuer ist die Stimmung auf diesem Bild.

   Tina Hauser erweiterte die Standorte. 2004 stieß sie auf die Jever-Skihalle, eine Indoor- und Snowboardhalle in Neuss, die auf einer Deponie errichtet ist. Die Investoren preisen den Pistenspaß mit Worten wie “365 Tage im Jahr das Skigebiet direkt vor der Haustür" oder “Wie ein Urlaubstag in den Bergen, nur ohne die anstrengende Anreise." Die provisorische Architektur für den angeblich perfekten Pulverschnee zeigt den Aufbau der Halle mit einer Rampe, die zwischen Himmel und Erde vermittelt. Im Innern trifft man auf eine künstliche Situation von Schnee, Musik und Salzburger Land.

   Auch an anderer Stelle in Nordrhein-Westfalen ist man stolz auf Rekultivierungs- -Maßnahmen. “Wir zeigen Duisburgs beste Seiten" tönen die Duisburger Marketing-Manager, erwähnen allerdings nicht, dass eine alte Deponie für Haushaltsmüll unter dem Urlaubsgebiet ihrer neuen Seenplatte liegt. Nur am allzu frischen Wald aus Eschen und Moos in Tina Hausers Fotokunst kann man ahnen, dass die Gegend noch nicht allzu lange existiert. Die Aufnahmen entstanden 2005. Sie zeigen ein Naherholungsgebiet mit viel Einsamkeit. Eine Parkbank wird gerade von Pflanzen bewachsen, der Blick fällt aufs Unterholz. Die Blätterwelt mit Licht und Dunkel, die Lichtspiele auf dem Boden, die Wanderin in der orangefarbenen Jacke, der um die Ecke führende Wanderweg, all dies wirkt verklärend schön. Wären da nicht die Mülltonne, mit Schild und Pfeil zum “Aussichtshügel", oder die vielen Brennnessel, die auf die Fruchtbarkeit der Deponie schließen lassen.

   Wie ein Land Art-Szenario erscheint der Trümmerberg bei Stuttgart, der Monte Scherbelino (2005). Es ist einer von fünf Scherben-Bergen in Deutschland, 511 Meter hoch, mit Stein- und Betonresten aus dem Zweiten Weltkrieg. Man findet dort die Überbleibsel klassizistischer Bauten, einen steinernen Groteskkopf, aber auch Beton, dessen Armiereisen in den Himmel ragt. Schräg liegt über dem steinernen Haufen eine Betonsäule und erinnert an Giovanni Battista Piranesi. Wieder wirkt die Vegetation leichtfüßig, die silbrige Baumrinde der Birken schimmert im Sonnenlicht. Eine Silberpappel kämpft gegen den Wind. Der Ruinencharakter aus Alt und Neu mutet wie selbstverständlich an. Eine Bank neben einem besprayten Unterstand ist offensichtlich dazu da, um Muße zu erzeugen und den Erholungscharakter zu betonen.

   Der Mensch liebt es, betrogen zu werden. Er braucht die heile Welt und vergisst den Müll, der sie überhaupt erst entstehen lässt. All diese künstlichen Orte mit Strandbädern, Vergnügungsparks und Schneepisten müssen ihre Künstlichkeit erst noch in eine Natürlichkeit verwandeln. Das gilt auch für den großen, lieblichen See in Düren, auf den die Künstlerin 2005 stieß. Sie fotografiert ein Postkarten-Motiv, einen Strandbad mit Sand wie aus der Lüneburger Heide, mit bewaldetem Hintergrund und blauem Himmel. Durch die Vorderbühne der Bäume fällt der Blick auf den lächelnden See, der einen gut gebauten, durchtrainierten, älteren Herrn zum Bade einlädt. Wer weiß denn noch, dass die Uferzone einst Unrat war.

   Wie lässt sich der Auswurf der konsumfreudigen Zivilisation ästhetisch umsetzen? Als Bildhauerin benutzt Tina Hauser gern Materialien wie Kehricht, Schlacke und Wracks als Ausgangsstoffen, um sie in minimale Skulpturen zu verwandeln. In der Fotografie arbeitet sie an der Verwandlung, Ästhetisierung, Umwertung des Weggeworfenen, Abgeschobenen, Verborgenen, Tabuisierten, kurzum an der Verwandlung der Giftstoffe.

   32 Idyllen hat sie ausgewählt, Idyllen aus zweiter Hand. Dazu passt ihr Gedanke, derlei Fotos als Auftragsmalerei in Ölfarbe auf Leinwand umsetzen zu lassen. Eine fotorealistische Wiedergabe ist gefordert. Die Auftragsmaler bekommen eine Holzkiste mit den vorgrundierten und bespannten Leinwänden. Nach der Ausführung gehen die Bilder und die Rechte an die Künstlerin zurück. Pro Fotovorlage ist eine Auflage von fünf Ölbildern möglich. Hängt man die 5-er-Auflage nebeneinander, ergeben sich kleine Irritationen in der Perspektive, weil es eigentlich Unikate sind, die jeweils anders gesehen und ausgeführt sind.

   Tina Hauser hat sich stets mit Konsumwerten beschäftigt und dabei bemerkt, wie die Menschen auf Ölbilder reagieren: ?Für viele Menschen sind Ölbilder der Inbegriff der wertvollen Kunst, sie sind das Werterhaltende." Indem sie Fotos, Sinnbilder also der Vervielfältigung, abmalen lässt, spielt sie mit dem Unikat und der Auflage der Kunst. Walter Benjamin behauptete ja, die Aura verschwinde mit der Vervielfältigung des Kunstwerks. Sie dreht den Spieß um, unterläuft die Auflage, macht das Foto zum Unikat und das Gemälde zum Serien-Objekt. Zugleich ?rettet" sie die Fotografie, die bekanntermaßen weder im Farbfoto noch im Dia von Dauer ist. Sie bringt die Fotografie in einen haltbaren Zustand.

   Nicht nur Deponien bezeugen den Wertverlust, sondern auch Bauruinen. Sie stehen nicht an Ausgrabungsstätten, wie ihre historischen Vorbilder, sondern in touristischen Entwicklungsgebieten. Sie bezeugen einen Bauboom, der mit einem Verlustgeschäft abgeschlossen hat. Für Tina Hauser sind diese unvollendeten Gebäude auch eine Form des Mülls unserer Konsumgesellschaft. Sie sollten Hotels werden, wurden jedoch nie fertiggestellt. Ihre Beispiele stammen von den Kanarischen Inseln Fuerteventura und Teneriffa, wo so viele afrikanische Flüchtlinge gestrandet sind, dass sie möglicherweise die Rendite der Investoren geschmälert haben.

   Seit 2005 widmet sich die Künstlerin diesem Thema unter der südlichen Sonne, wo den Ruinen noch eine gewisse Melancholie inne wohnt. Ruinen erinnern in ihren Fotos an wunderbare, zweckfreie Skulpturen. Durch ihre Fensterhöhlen ist der Blick in die Landschaft freigegeben. Leicht surreal wirkt der graue Beton im Spiel von Licht und Schatten. Die Windschlösser werden zu Kerker-Szenen wie von Piranesi. Sie assoziieren eine fantastische Architektur, in der Innen- und Außenräume zusammenfallen. Der Blick geht durch die aufgeständerten Bauten wie durch Fenster auf die nächsten leer stehenden Häuser. Im Fensterblick wird die Außenwelt nach innen gezoomt. Eine minimale Kunst, bei der die Idyllen und der Ruin dicht beieinander liegen. Das Schlussbild der Ruinen-Serie zeigt einen ramponierten Frachter, der in Fuerteventura aufgelaufen ist. Man hatte versucht, ihn auszuschlachten. Nun bricht er Stück für Stück weg. Unter dem Himmel, eingerahmt von der Gischt des Wassers, gewinnt das Wrack seine romantische Attitüde zurück - wobei wir wieder bei der Idylle wären.

 

> Text zu der Ausstellung von Tina Hauser
»Idyllen - Diese und Jene « am Erdrand