H a n n s   G r ö s s e l






Einführung zu der Ausstellung

Raymond Roussel - Freies Lesertum

 

 

Vor sieben Jahren ist in Leipzig ein besonderes Lexikon erschienen, das Lexikon der Sonderlinge. Es enthält einen Artikel über Raymond Roussel, und daraus erfährt man über ihn unter anderem:

   ... vor dem Ersten Weltkrieg pflegte er seine Kragen nur einmal zu tragen (denn er verabscheute Gewaschenes), seine Hemden nur ein paar Mal, einen Anzug, einen Mantel, einen Hut oder Hosenträger nur fünfzehnmal, einen Schlips nur dreimal; wenn er sich völlig neu einkleidete, sagte er: „Ich schwebe... Heute ist alles neu.“

   Häufiger Kleider- und Wäschewechsel allein macht aus einem Menschen noch keinen Sonderling. Und schon gar nicht wird nur diese Eigenheit Raymond Roussels Klaus G. Gaida zu seiner Ausstellung angeregt haben.

   Aber nicht von ungefähr zeigen die Bilder der Ausstellung Raymond Roussels Außenansicht, und das mit einer Ausschließlichkeit, die bezeichnend ist, bezeichnend in mehrfacher Hinsicht. Roussel war kein auffallend schöner, aber doch ein sehr gut aussehender Mann, der sich schon deshalb gerne fotografieren ließ (gemalte oder gezeichnete Porträts von ihm gibt es nicht). An der Fotografie war Roussel wichtig, daß sie eine Momentaufnahme ist, dass sie einen Augenblick festhält in der unaufhaltsam vergehenden Zeit und daß sie für eben diesen Augenblick die Illusion ermöglicht, die Zeit stände still.

   Auf einer Fotografie ist Raymond Roussel im Alter von 19 Jahren zu sehen. In diesem Alter wäre er gerne geblieben, denn da hatte er ein überwältigendes Erlebnis schöpferischer Omnipotenz gehabt – bei der Arbeit an seiner Verserzählung La Doublure (Das Doppel).

   Raymond Roussel hat von 1877 bis 1933 gelebt. Am kommenden 14. Juli jährt sich in diesem Jahr zum 75. Male sein Todestag. Und nicht nur ist Roussel von eigener Hand, an einer Überdosis von Barbituraten, gestorben – vieles spricht dafür, dass er diesen 14. Juli, den französischen Nationalfeiertag mit seiner Ruhmesverheißung, in voller Absicht und genauer Berechnung, zu seinem Todestag gemacht hat.

   Roussel hatte zwei Geschwister: einen Bruder, Georges, der schon mit 32 Jahren stirbt, und eine Schwester, Germaine, die in zweiter Ehe Charles Ney, den Herzog von Elchingen, heiraten wird. Auch sein Vater stirbt früh. Raymond Roussel wächst im Milieu eines schwerreichen Großbürgertums auf. Dazu gehört ein parkähnliches Anwesen in Neuilly, dazu gehört auch eine protzige Sommervilla in Biarritz – mit eigenem Badezimmer für die Schoßhündchen von Madame Roussel, Raymond Roussels Mutter. Das Anwesen in Neuilly hatte sie geerbt. Überhaupt war sie eine dominante Person, die ihren Jüngsten in seiner sexuellen Entwicklung blockiert und ihm den Weg zum weiblichen Geschlecht verbaut hat.

   In den wenigen autobiographischen Texten, die wir von ihm besitzen, erklärt Roussel, in seiner Kindheit habe er „mehrere Jahre vollkommenen Glücks erlebt“. Für seine Ausbildung war wiederum die Mutter bestimmend. „Meine Mutter schwärmte für Musik,“ schreibt Roussel, „und da sie mich für diese Kunst begabt fand, nahm sie mich, nachdem sie einen leichten Widerstand auf Seiten meines Vaters überwunden hatte, aus dem Gymnasium zugunsten des Konservatoriums. Ich kam in die Klavierklasse von Louis Diémer und erhielt eine zweite, später eine erste ehrenvolle Erwähnung. Mit sechzehn versuchte ich, Melodien zu komponieren, zu denen ich selber die Verse schrieb. Die Verse kamen immer leicht, aber die Musik blieb widerspenstig. Eines Tages, mit siebzehn Jahren, beschloß ich, die Musik aufzugeben und nur noch Verse zu machen; meine Berufung hatte sich entschieden.“

   Seine Entscheidung für die Literatur war gefallen, und im Alter von etwa dreißig Jahren hatte er selber das Gefühl, seinen „Weg gefunden zu haben“. Raymond Roussel ist also weder als bloßer Sonderling noch als bloßer Schönling in die Annalen eingegangen. Seinen Ruhm – seinen sehr späten Ruhm – verdankt er einer Reihe von Büchern, die zu den ungewöhnlichsten Texten der literarischen Moderne gehören.

   Roussel hat Verserzählungen, Prosageschichten, Romane und Bühnenstücke geschrieben. Nur einen kleinen Ausschnitt daraus kann ich Ihnen vorstellen, eine Passage aus dem Roman Locus Solus, der 1914 erschienen ist: Locus Solus heißt das Anwesen des Forschers und Erfinders Martial Canterel. Einer Gruppe von Besuchern führt er bei einem Rundgang sieben Erfindungen oder Entdeckungen vor. Die läßt er zunächst auf seine Besucher wirken und gibt ihnen danach ausführliche Erklärungen. Falls man diese Führung und diese Vorführungen überhaupt als Handlung bezeichnen will, dann spielt sie sich höchstens innerhalb eines halben Tages ab. Die Hauptmasse des Romantextes, mehrere hundert Seiten, machen die Erklärungen aus. Als erstes bekommen die Besucher von Locus Solus einen speziellen Apparat zu sehen; aus ihrer Perspektive wird erzählt:

   Wir gingen (...) auf eine Stelle zu, an der eine Art Pflastergerät stand, das durch seine Struktur an jene Handrammen erinnerte – hierzulande nennt man sie Demoiselles -, die man zum Straßenbau verwendet. Dem Anschein nach leicht, obgleich ganz aus Metall, hing die Demoiselle an einem kleinen hellgelben Luftballon, der in seinem unteren kreisförmig ausgebauchten Teil an die Silhouette einer Montgolfière denken ließ. Der Boden darunter war auf die seltsamste Weise geschmückt.

   Auf einer ziemlich großen Fläche waren menschliche Zähne so verteilt, dass sie eine Vielzahl von Formen und Farben darboten. Manche, die blendend weiß waren, kontrastierten mit Schneidezähnen von Rauchern in der ganzen Skala vom hellsten bis zum dunkelsten Braun. Auch alle Arten von Gelb fanden sich in dem bizarren Vorrat, vom duftigsten Strohgelb bis zu den schmutzigsten Nuancen von Fahlrot. Blaue Zähne, helle und dunkle, trugen zu dieser reichen Polychromie bei, die durch eine Menge schwarzer Zähne und durch das blasse oder schreiende Rot blutiger Zahnwurzeln vervollständigt wurde.

   Umrisse und Proportionen wiesen unendliche Unterschiede auf – riesige Backenzähne und monströse Eckzähne lagen neben kaum wahrnehmbaren Milchzähnen. Hier und da funkelten metallische Reflexe von Plomben oder Goldkronen.

   An einer Stelle, die die Handramme im Augenblick einnahm, ergaben die eng nebeneinander gruppierten Zähne durch die bloße Verschiedenheit ihrer Farbtönung ein richtiges Bild, das aber noch unvollendet war. Das Ganze stellte einen Kriegsknecht dar, der in einer finsteren Grotte, weich gebettet, am Rand eines unterirdischen Teiches schlummerte. Ein dünner Rauch, der aus dem Hirn des Schläfers aufstieg, zeigte, was er im Traume sah: elf junge Leute krümmten sich vor Entsetzen angesichts einer fast durchsichtigen luftigen Kugel; sie schien das Ziel des machtvollen Aufflugs einer weißen Taube zu sein und zeichnete auf den Erdboden einen leichten Schatten, in dessen Mitte ein toter Vogel lag. Neben dem Kriegsknecht lag zugeklappt ein altes Buch, das von einer im Boden der Grotte steckenden Fackel schwach beleuchtet wurde.

   Der Meister hatte die Kunst, das Wetter vorherzusagen, bis an die Grenze des Möglichen getrieben. Die Prüfung einer Menge außerordentlich empfindlicher und präziser Instrumente hatte ihn befähigt, für einen bestimmten Ort zehn Tage im voraus Richtung und Stärke jedes Lufthauchs zu erkennen, ebenso das Auftreten, die Dimensionen, die Dichte und das Kondensationspotential der kleinsten Wolke.

   Um die äußerste Perfektion seiner Vorhersagen eindeutig zu beweisen, ersann Canterel einen Apparat, der fähig war, lediglich durch die kombinierte Wirkung von Sonne und Wind ein Kunstwerk hervorzubringen.

   Meister Canterels Erklärungen zu diesem Apparat wiederzugeben, dazu fehlt mir die Zeit. Aber ganz ohne Hinweise darauf, woran Raymond Roussel sich für sein Schreiben orientierte, kann ich Sie nicht lassen. Kein Künstler fängt ohne Vorbilder an; auch der größte steht auf den Schultern von Riesen. Für die Exotik in Roussels Büchern war das Pierre Loti, für die Phantastik Jules Verne. Als Roussel Anfang der zwanziger Jahre eine Weltreise unternahm, fand er auf Tahiti „noch einige Figuren des wunderbaren Buches von Pierre Loti“ vor, wie er schreibt; gemeint ist Lotis Roman Le Mariage de Loti. Die Fotografie auf der Einladung zu dieser Ausstellung zeigt Roussel am Grabe einer anderen Figur Lotis.

   Grenzenlos war Roussels Bewunderung für Jules Verne. Verne, der unvergleichliche Meister, habe sich auf bestimmten Seiten seiner Bücher „zu den höchsten Gipfeln erhoben, die das menschliche Wort erreichen kann“, urteilt Roussel wörtlich. Und Jules Verne dürfte Roussels Vorliebe für phantastische Maschinen erklären. In seinem Roman Eindrücke aus Afrika, der 1910 erschienen ist, bietet er einen ganzen Maschinenpark auf, darunter eine Malmaschine, die wie die Flugramme aus Locus Solus ein Kunstwerk hervorbringt. Nur eine Maschine, die automatisch schriftstellert, findet man bei Roussel nirgends. Er hat wohl als selbstverständlich vorausgesetzt, dass seine Leser im hochkomplizierten Hebel- und Räderwerk seiner Kunstmaschinen das Inbild seiner eigenen schriftstellerischen Mühsal und Schöpferqual erkennen würden.

   „Ich blute über jedem Satz“, bekennt er in dem Sammelband Wie ich einige meiner Bücher geschrieben habe. Durch letztwillige Verfügungen hatte Roussel dafür gesorgt, dass dieses Buch erst nach seinem Tode erschien. Einerseits ist es eine Art Werkstattbericht, andererseits ein Versuch, dem eigenen Nachruhm vorzuarbeiten. Das wurde vollends klar, als Jahrzehnte später auf einem Pariser Dachboden neun Umzugskisten entdeckt wurden, alle für die Bibliothèque Nationale bestimmt. Sie enthielten zahlreiche Dokumente von und über Raymond Roussel; auch eine Fotografie, die Roussel als Bergmann vorm Eingang zu einer Grube zeigt, darüber die deutsche Inschrift Glück auf! Auch diese Fotografie finden Sie unter den Bildern der Ausstellung. Und mit dem Glück auf! beschliesse ich meine Einführung dazu und danke Ihnen.

 

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