M i c h a e l   F a h r e s






  Racklos
Rio de Janeiro, 3.8. bis 1.9.2001

 

 

1959, in einer fränkischen Kleinstadt, Faschingszeit. Die Racklos kommen....

   Meine Mutter hatte mir gerade das neue "Old Shatterhand"-Kostüm genäht und ich hatte die blitzenden Pistolen mit Platzpatronen gefüllt.

   Heute ist Faschingsdienstag. Die Racklos kommen....

   Die großen Jungen aus den Siedlungen der Vorstadt, die Asozialen kommen in die Stadtmitte. Wir rennen die Gassen hinauf, Winnetou neben mir, die Racklos hinter uns. An der Stadtmauer machen wir halt, es geht nicht weiter, wir sind erledigt. Der Große nahm uns alle Pistolen, Kugeln, den Bogen und die Pfeile ab. Ich bekam einen Schlag ins Gesicht, wir waren verloren. Die Racklos waren gekommen.

   Mein Gesicht verschmiert, mein schönes Kostüm hatten sie zerrissen, sie waren eben Racklos aus den Baracken, die Väter Säufer und dann auch noch arbeitslos, diese verdammten Taugenichtse. Ich hatte mein Feindbild und das nicht im Wilden Westen und ohne Karl May.

   Mit dieser Erinnerung nahm ich den Auftrag an, für das Favela-Projekt des Goetheinstituts in Rio de Janeiro Tonaufnahmen zu machen. In der Zwischenzeit hatte ich natürlich begriffen, daß die Racklos meine Brüder waren und ich nicht auf der Stadtmauer, sondern neben ihnen den Kampf bestritt. Favelas, Armenviertel in Rio, meiner Lieblingsstadt, deren Swing und Lebensfreude über die Strände von Ipanema wehte und wo der Cachaça manchmal die Sinne vernebelte? Was konnte ich, der Tonkünstler, für diese so musikalische Stadt bedeuten und insbesondere für die Favelas. Ich wollte doch neben den Racklos stehen und nicht auf der Mauer und zu ihnen hinabschauen und das mit dem Segen des Corcovado, der doch alle in seine Arme schloß. Doch in Rio mußte ich hinauf schauen, auf die Morros, die Hügel. Dort hausen die Armen, sie hatten die beste Aussicht, aber nicht auf das Leben. Die Reichen vergnügen sich unten, an den Stränden, in den Bars und Hotels. Als wäre das oben und unten durch den Äquator vertauscht.

   Nach 22 Stunden Flugreise, ein Bombenalarm in Sao Paulo hatte den Flugverkehr lahm gelegt, kam ich in Rio an. Zuerst einmal navigieren, hören, worum es geht, neugierig sein, erkennen, verstehen. Es gibt 450 Favelas in Rio, meist auf den Morros gebaut wachsen sie in die Stadt, es gibt kein Entrinnen. Favelas: Vidigal, Jacarezinho, Rocinha mit 180000 Einwohnern, hauptsächlich Nordestiños und Mulatas, das größte Armenhaus Südamerikas, riesige Ameisenhaufen im Stil arabischer Souks, enge Lehmstraßen, Lärmwolken, jeder hatte sein Fernsehen, doch die Sicht ging nicht weiter als bis zur nächsten Straßenecke und der immerwährende Klang erquickte. Der Lebensquell floß nicht aus vollen Rohren, doch vertrocknen wollte man auch nicht, deswegen schauen, hören und berieseln lassen, so viel man konnte. Der Tag war sehr lang und man wartete auf die Nacht, die man besser kannte. Im Schein der Sonne blieb es in der Favela dunkel und der Karneval war erst wieder im nächstes Jahr.

   2 mal 350 Millionen Dollar hatte und wird die Südamerikanische Entwicklungsbank ab 1994 zur Sanierung der Favelas zur Verfügung stellen. Ein Stadt konnte, durfte nicht in eigenem Saft ersticken. Célula urbana. Eine Stadtteilsanierung sollte es werden, Straßen wurden asphaltiert, Häuser abgerissen, woanders wieder aufgebaut, die Ambulãncia, die Feuerwehr mußte doch durch kommen.

   Asphaltiert ist saniert. Die Bairros, die Stadtviertel, sollen geöffnet werden, für wen, für die Armen, die meisten Leute in Rio-Stadt hatten noch niemals eine Favela besucht. Es hörte sich alles eindrucksvoll an und dann noch von einem Architekten begleitet, der auch in meiner fränkischen Kleinstadt einen Wettbewerb gewonnen hatte. Vertrauen? Was sollte hier die Kunst? Promotor, Animator sollte sie sein mit der Idee die Stadtmauer einzureißen, die sich zwischen den 2 Rio's, den Favelas und den "Ipanemas" manchmal unsichtbar, aber niemals unhörbar dahin schlängelte, da der Pistolenschuß der Fogueteiros, der Feuerwerfer, die Nacht erhörte. Schüsse aus der Pistole, kein Karneval, keine Sylvesterparty, nein ein unüberhörbares Signal für die Ankunft des neuen Kokains oder das Einrücken der Policia, der Nova Policia. Was heißt "neue Polizei", hatte die alte wohl die Flinte in's Korn geworfen, dachte ich mir. Und das sollte ich schon wenige Tage nach meiner Ankunft spüren.

   Pedro, ein Fotograph, und ich waren in Jacarezinho, d.h. kleiner Alligator, willkommen. Neben den rosanen Bandeiras der Karnevalsvereinigung stellten wir unsere Autos ab und drangen in diese Menschenmasse ein, jeder verkaufte, was zu verkaufen war, mit großen Augen erkannten sie den Fremden und hätte uns nicht Rumba, der sich um die Probleme von Jacarezinho kümmerte, eine Begleitung zur Seite gestellt, dann hätte mich meine Unsicherheit zur Umkehr getrieben und die Ängste nicht unterdrückt. "Du mußt eben keine Angst haben, sondern Respekt", beruhigte mich Pedro. In einer kleinen Kneipe machten wir Rast. Plötzlich knallte es und der Schlag kam näher, öfter, näher. "Um 14 Uhr, das ist merkwürdig" sagte Pedro. "Setze dich schnell hin und tut so, als ob nichts besonderes los ist!" Die Jungen liefen mit ihren Pistolen an uns vorbei. Der Klang des Barrios, eine Implosion, die Stille hatte das Treiben erdrückt. Dann Schritte, sie, die Polizei, kam mit angezogenem Maschinengewehr an uns vorbei, weiter hinter uns wurde geschossen. Ein Aufatmen. "Wir sollten zurückkehren, heute ist kein guter Tag", forderte Pedro mich auf. In der Nähe des Eingangs der Favela, am Bahnübergang auf den Gleisen sahen wir das gepanzerte, geöffnete Bankfahrzeug stehen. "Proteger" las ich auf dem Auto. "Proteger", ah..... das Geld, das war gestohlen, "Proteger", wer schützt wen vor wem? "Es sieht alles ganz harmlos aus, aber plötzlich kann sich die Situation verändern. Das ist das Leben in den Favelas", murmelte Pedro.

   Doch irgendwie hatte mich diese Erfahrung mutiger gemacht, ich wollte mehr wissen, begreifen, erkennen, kennen lernen. Dieses Vertrauen in eine Welt, die mir bis jetzt verschlossen blieb, sollte sich auszeichnen. Rumba zeigte uns den Radiosender Radio Liberdade 99.3 FM. "A Liberdade está no ar - Die Freiheit liegt in der Luft." An einer langen Mauer von General Electric gebaut, die Berliner Mauer oder Bilder vom Campo de Concentração schossen mir in den Sinn, wir schoben uns an ihr vorbei und dort, auf dem Dach von Jacarezinho, da war der Rundfunksender. Zwei kleine Räume, Mischpult, Mini-CD-Spieler. "Letzten November hat die Polizei alle Geräte beschlagnahmt," sagte der Diskjockey Serginho. "Seid ihr dann nicht offiziell, seid ihr Piraten," fragte ich? "Was heißt offiziell, wir werden geduldet, von der Gemeinde, von der Drug-Maffia, es ist eben Brasilien," antwortete Serginho. "Und wo sind jetzt die Geräte, habt ihr sie zurück bekommen," erwiderte ich? "Wir haben sie nicht mehr gefunden."

   Es gibt in Rio übrigens 3 Drug-Syndikate: Amigos dos Amigos, Comando Vermelho und Comando Terceira. Sie halten die Macht in den Favelas in ihren Fäusten, sie bestimmen, wann und wo das Kokain ankommt und wie es verteilt wird, sie arrangieren sich mit der Polizei von Rio mit der Devise: "Wie ich dir, so du mir".

   Die Favela oberhalb von Botafogo war nicht mehr unter weißem Staub begraben, da die Polizei ihr neues Hauptquartier in der Nähe gebaut und   so den jungen Dealer gezwungen hatte, endlich einmal "normal" zu arbeiten. Nach 2 Wochen wurde er zurückgerufen. "Na, wie hat dir das Arbeiten gefallen", fragte der Kommandant? "Es war gar nicht so schlecht. Ich habe sogar Freunde gefunden", antwortete der Halbwüchsige verwundert.

   Nach 18 Uhr hatte die Polizei nichts mehr in den Favelas zu sagen, dann war keine Hausdurchsuchung mehr möglich. Die Military Police bekam sowieso ihre 20000 Real, Funkstille. In der Nacht kann man eben nicht mehr in die Favelas, aber raus, immer, wann sie wollen. Es ging um die Balance der Macht zwischen den 3 Drug-Syndikaten untereinander und der Polizei. Auch diese Erfahrung blieb mir nicht erspart. Wir sollten den Popbarden MV Bill auf einer sogenannten Funk-Baile kennenlernen. Nachdem wir noch am Nachmittag nicht wußten, ob wir kommen durften, gingen wir nicht zu dieser Party, in der auch Kokain und andere Knaller verkauft wurden. Am nächsten Tag hörten wir, daß geschossen wurde, einige der Besucher tanzten nicht mehr. Funky.

   Tanzen, so lang und so wild wie möglich. Karneval, am liebsten das ganze Jahr. Die Mädchen hielten ihre Bandeira, ihre Standarte von Jacarezinho fest in der Hand und tanzten vor dem Haus von Radio Liberdade. Sapo (Kröte), der Präsident der lokalen Karnevalsvereinigung, zeigte uns stolz seine Trophäen. Alles war in rosa Licht getaucht. Durch eine rosarote Brille kann man eben einfacher den Alltag vergessen und sicher wenn einem auch noch der kleine Alligator, das Maskottchen der Sambaschule, lustig anblinzelt.

   Und so besucht man neugierig die "Liga", die den berühmten Festzug der 14 ersten Sambaschulen in Rio organisiert, eine jährlich zurückkehrende Veranstaltung auf dem von dem Architekten Oscar Niemeyer gebauten Sambódromo. Das Büro in einem Penthouse in der Innenstadt an der Avenida Rio Branco strotzt vor Selbstbewußtsein. "Der letzte Umzug hat uns 20 Millionen Dollar gekostet", sagt der Chef stolz und zeigt uns sein riesiges Arbeitszimmer mit dem Blick über die Stadt. Er steht auf einer Mauer und schaut hinab, dachte ich mir. "Und woher nehmen sie soviel Geld", wenn ich fragen darf? "Ach, von über all her, von der Stadt Rio, dem Tourismus, wir hatten noch niemals soviele Besucher", antwortet der Überflieger. Es werden wohl auch die verschiedenen Comandos dazu beigetragen haben, ein Tanzfuß wäscht eben den anderen, hauptsächlich es wird getanzt und das immer wieder. Der Taft der Kostüme kühlt - Brot und Spiele, panem et circenses - und erhitzt die Gemüter zu den Rhythmen der Musik. So fließen die Ströme von einem zum anderen, das "Movimento Popular de Favelas" (MPF) versucht diesen Fluß strömend zu halten. Man ist eben in Rio, dem Fluß und hier organisieren sich jetzt auch die Favelas miteinander. Hilfe kann nicht nur von Außen, sondern muß auch von Innen kommen. Hilfe zur Selbsthilfe, das ist wieder die Parole.

   Die Arbeit in den Favelas mit Leuten dort, Organisationen wie die Schauspielgruppe "Nos do Morro" in Vidigal, die politisches Theater mit jungen Leuten produziert und aufführt, oder "Coopa Roca" in Rozinha, die aus Abfallmaterialien zusammen mit 80 Näherinnen aus dem Slum Mode fabriziert, zeigen positive Energien, die von den Favelas nicht nur über die Mauer hinweg zur anderen Seite von Rio, z.B. mit dem vom Goetheinstitut in Rio initiierten Projekt "a cultura da favela", sondern auch mit einer Modeshow z.B. im September 2001 nach London getragen werden. Die Favela, eben nicht nur Dreck, gelbe Pfade, Gestank und Lärm, sondern auch eine Möglichkeit für neue Arbeitsplätze und andere Ressourcen, die zwar mit besseren Schulen und anderen Hilfen unterstützt werden müssen, aber doch der Mühe wert sind. Eine Favela darf nicht zum Ghetto verkommen, sonst verblassen die schönen Strände und der Rhythmus von Rio wird erstarren.

   Geschmeidig schwingt sich der Junge auf dem Trapez in der Fabrik der Träume, "Arte no Circo", kein Zirkus, sondern Kunst für jeden. Dem Jungen, der sich in die Luft schwingt, gibt es das Gefühl vom Fliegen. Er steht in der Favela, aber er kann sich erheben und er wird es sicher tun.

"Liberdade está no ar."    

 

> Text zu der Ausstellung von »Bandeiras«  am Erdrand