V i c t o r   B ö l l






Vom Fädenspinnen





Klaus G. Gaida hatte mich gebeten, aus Anlaß dieser Ausstellung etwas über W.G. Sebald zu sagen, wobei ich weniger auf die ausgestellten Manuskriptseiten eingehen werde. Sie sehen ja an diesen Texte, die alle unerläutert, für sich sprechend hängen, daß Sebald ein Autor ist, der noch viel mit der Hand schreibt, bei dem aber zwischendurch immer auch aufblitzt, was in Zukunft Manuskripte ausmachen wird. An zwei Stellen finden Sie Computerausdrucke, die vom Autor mutig durchstrichen wurden und durch Handschriften ersetzt oder ergänzt sind. Während in Zukunft ja doch Manuskripte im wesentlichen dann nur noch als Computerdateien und Ausdrucke da sein werden.

   Ich möchte Ihnen etwas erzählen, und dieses Erzählen meine ich wörtlich, weil ich nichts ablese oder nachher auswendig zitieren werde aus diesem „Roman“, aus dem die Exponate stammen - „Die Ringe des Saturns“. Es mag sie wundern, daß ich diesen Text, der ja als ein „Bericht“ gilt, einen Roman nenne und ich hoffe, daß sich ihnen das erschließt, was ich damit meine. Ich habe den „Roman“ gelesen, nochmals gelesen, Teile wieder vorgegraben, um gute Zitate zu finden. Und wenn man solche Texte liest, dann geht man häufig danach hin und informiert sich, was über diese Texte geschrieben worden ist. Und dabei fand ich dann auch sehr skurrile Sachen, die mit dem Buch selber gar nichts zu tun haben. Auf der Rückseite der Taschbuchausgabe im Fischer-Verlag etwa lese ich: „Ein Reisebericht besonderer Art, zu Fuß durchquert Sebald die Landschaft Suffolk, einen nur dünn besiedelter Landstrich an der englischen Ostküste. Er sieht genau hin und stößt auf seinem Weg durch die violetten Heidelandschaften auf die Spuren vergangener Zeiten, die von oft wundersamen Geschichten künden.“

   Der letzte Satz etwa, der funktioniert nicht, weil man nicht weiß, ob es die Heidelandschaften oder die Spuren oder die vergangenen Zeiten sind, „die von oft wundersamen Geschichten künden“ und wie sie das machen sollten. Dieser Werbe-Text ist auch deshalb „daneben“, weil es gar nicht um einen Reisebericht geht. In einer Rezension habe ich gelesen, daß dieser Bericht selber nur fünf Prozent des Erzählten ausmacht. Es hat sich also tatsächlich jemand hingesetzt und eine Statistik aufgemacht. Was heißt das? Das heißt, daß wir ein großes Buch, ein Werk vor uns haben, in dem es um eine Wanderung selber nicht geht, sondern es geht um die Geschichten, die dem Autor bei seinem Ausflug einfallen.

   Ich habe auch nichts zu dem wichtigen Untertitel gefunden, der da heißt: „Eine englische Wallfahrt“. Nun ist ja eine Wallfahrt - ich habe mich klug gemacht - die Pilgerfahrt zu Heiligen Stätten, Gräbern und ähnliches, wegen einer Danksagung für eine Wohlfahrt, die man erhalten hat oder wegen einer Bitte um Hilfe. Oder man macht Wallfahrten, um das Erleben der religiösen Gemeinschaft am Kultmittelpunkt zu erfahren - in Mekka etwa, in Rom oder in Jerusalem.

   Nun habe ich mich gefragt, welche der möglichen Wallfahrten denn hier gemeint sein mag? Für mich geht es um das Erleben der „religiösen Gemeinschaft am Kultmittelpunkt“, wobei dieser gebildet wird durch Begriffe wie Zivilisation, Industrialisierung und ähnlichem und deren Folgen, es geht um vergangene und gegenwärtige Zustandsbeschreibungen. Wobei der konkrete Ort, nämlich Suffolk, in gewisserweise beliebig ist und austauschbar.

   Die Ringe des Saturn - das ist vorangestellt als Zitat aus dem Brockhaus - die werden gebildet durch Trümmer, durch Bruchstücke, zu denen ein ehemaliger Trabant bei Kontakt mit dem Saturn geworden ist und der sich in Gesteinsbrocken und Staubpartikel aufgelöst hat, die den Saturn seitdem begleiten. Und ich denke, daß es in diesem Buch um die „Bruchstücke“ geht, die die Menschheitsgeschichte umkreisen.

   Es geht mir nicht darum, ihnen den Inhalt des Buches nachzuerzählen, welche Reflexionen drinstecken und welche historischen Gemälde aufgemacht werden, welche Schlachten beschrieben werden, welche grauenhaften Episoden der Menschheitsgeschichte - die Ausplünderung der Erde, die zum Gegenstand gemacht wird, der fürchterliche Mord, das Erschlagen von Menschen durch Menschen, sondern es geht darum, wie diese Bruchstücke ineinander gefügt werden, um ein Kunstwerk entstehen zu lassen. Die Handschriften, die hier ausgestellt sind, sind aus dem letzten Kapitel. Da geht es im wesentlichen um die Geschichte der Seidenspinnerei im alten China bis in die industrielle Neuzeit, also auch um das Ineinanderweben von Fäden, die für mich den wirklich treffenden Abschluß auch des Romans bilden, denn es geht Sebald, wie jedem „gutem“ Schriftsteller, auch darum die Geschichten-Fäden so zu verknüpfen, daß ein feines Erzähl-Gewebe entsteht.

   Zu diesem Thema ein Zitat aus dem Buch, in dem sich für mich auch die Fiktionalität der Erinnerung und damit des Textes ausdrückt: „Wahrscheinlich sind es verschüttete Erinnerungen, die die eigenartige Überwirklichkeit dessen erzeugen, was man im Traum sieht. Vielleicht ist es aber auch etwas anderes, etwas Nebel- und Schleierhaftes, durch das hindurch, paradoxerweise, im Traum alles viel klarer erscheint. Ein kleines Wasser wird zu einem See, ein Windhauch zu einem Sturm, eine Handvoll Staub zu einer Wüste, ein Körnchen Schwefel im Blut zu einem vulkanischen Feuer. Was ist das für ein Theater, in dem wir Dichter, Schauspieler, Maschinist, Bühnenmaler und Publikum in einem sind?“ Eine andere - völlig aus dem Zusammenhang gerissene - Sentence lautet: „Auch in welchem Jahrhundert man ist, läßt sich nicht ohne weiteres sagen, den viele Zeiten haben sich hier überlagert und bestehen nebeneinander fort.“

   Die Methoden, mit denen Sebald diese einzelnen Geschichten verknüpft, die bestehen darin, an ganz bestimmten Momenten seiner Wanderung in Erinnerungen zu verfallen. Und einer dieser Einschübe beginnt: „So unbegreiflich, wie mir diese Dinge [die verschütteten Erinnerungen] von jeher gewesen sind, so unmöglich war es mir an jenem Abend, auf dem Gunhill von Southwold, wirklich zu glauben, daß ich genau vor einem Jahr vom holländischen Strand aus nach England herübergeschaut hatte. Ich war damals, nach einer bösen, in Baden in der Schweiz verbrachten Nacht über Basel und Amsterdam nach Den Haag gefahren und hatte mich dort in einem der zweifelhaften Hotels am Stationsweg einquartiert.“ So beginnt einer dieser Erinnerungs- oder Reflexionsepisoden und endet 15 Seiten später. „So ungefähr werden sie wohl gewesen sein, meine Erinnerungen an den ein Jahr zurückliegenden Aufenthalt in Holland, als ich an jenem Abend allein auf dem Gunhill von Southwold saß.“

   Ich wieder hole: „so ungefähr werden sie wohl gewesen sein“ - in solchen Sätzen wird die Fiktion für den Erzähler und den Leser deutlich, denn es bedeutet, daß etwas, was irgendwann mal (gedankliche) Gegenwart war und damit real war, beim Schreiben zwar fixiert wird, aber in dem Bewußtsein, daß es der Realität schon nicht mehr entspricht. Sebald spielt mit dem Leser - und mit dem Text - indem er die „sachliche“ Ebene des Textes durch Dokumente und Fotos - u.a. ein Bild des Autors vor einer libanesischen Zeder im Park des Landsitzes von Ditchingham Hall -, fast könnte man sagen: überbetont. Sebald schreibt- und das sehen sie auch an diesen Exponaten, völlig unaufgeregt. Seine Handschrift ist nicht hektisch, diese Blätter strahlen für mich eine große Ruhe aus. Sie sind ähneln sich und doch ist jedes einzelne Blatt wie ein Fingerabdruck, in der sich die „Kunst“artigkeit des Textes ausdrückt.

   Nun ist viel erzählt worden über Sebald den Melancholiker. Und der melancholische Blick, den Sie auch auf den Fotos sehen, ist etwas, was sehr augefällig ist und das dann zu leicht zu einer Kategorisierung führt. Weil es bei Sebald so ist, oder für mich jedenfalls so ist, daß es im Grunde genommen in seinen Texten eine große Trauer herrscht. Die Trauer darüber, daß der überlieferte Satz „Machet euch die Erde untertan“ zu so vielen Katastrophen führte in der vergangenen und führt in der andauernden, gegenwärtigen Menschheitsgeschichte, was wenig Raum läßt für Freude. Ich habe einen programmatischen Satz von Heinrich Böll gefunden, den er 1952 geschrieben hat und den ich so auf Sebald auch beziehen kann. Heinrich Böll hat damals einen Aufsatz geschrieben „Bekenntnisse zur Trümmerliteratur“ und darin über die Verpflichtung des Schriftstellers gesagt: „Es ist unsere Aufgabe, daran zu erinnern, daß der Mensch nicht nur existiert, um verwaltet zu werden und daß die Zerstörungen in unserer Welt nicht nur äußerlicher Art sind und so geringer Natur, daß man sich anmaßen kann, sie in wenigen Jahren verheilen.

   Nun ist der Text natürlich nicht insgesamt von dieser ganzen Melancholie getragen, die auch dadurch entsteht, wenn man über Katastrophen berichtet, in einer sprachlich reflexiven und ruhigen Weise, dann hinterläßt das natürlich auch seine Spuren im Leser. Auf der anderen Seite sind die Geschichten, die er erzählt, auch humorvoll. Und diese humorvolle Weise - und Humor ist ja nicht im Sinne des Witzes zu verstehen oder des Auf- oder gar Auslachens, sondern Humor - vom lateinischen humores, das sind ja die Körperflüssigkeiten, zu denen ja bekanntlich etwa auch die Tränen gehören. Etwas, daß sich bei Sebald an vielen Stellen in liebevollen Beschreibungen sich ausdrückt.

   Zum Abschluß dessen, was ich sagen wollte, möchte ich ein längeres Zitat lesen in dem sich für mich alles das ausdrückt, was ich oben gesagt habe. Es ist ein „Bericht“ über eine Familie, die in Irland lebt. Die Familie Ashbury, die für Sebald zu einem der Beispiele für „geschichtliche Kalamitäten“ wird, und deren Zustand eng mit Geschichte des Landes verflochten ist. In diesem Fall die Geschichte der großen englischen Gutshöfe im 20. Jahrhunder und ihrer Besitzerfamilien, die nach und nach verarmten.

   Edmond, der Jüngste, zimmerte seit seiner 1974 erfolgten Schulentlassung an einem gut zehn Meter langen, dickbauchigen Schiff, obgleich er, wie er beiläufig äußerte, weder vom Schiffbau eine Ahnung noch die Absicht hatte, in dem unförmigen Kahn jemals in See zu stechen. ‚It’s not going to be launched. It’s just something to do. I have do have something to do.‘ Mrs. Ashbury sammelte Blumensamen in Papiertüten, die ich sie, nachdem sie mit Namen, Datum, Standort, Farbe und anderen Angaben beschriftet waren, in den verwilderten Beeten und manchmal auch weiter draußen in den Wiesen vorsichtig über die abgestorbenen Blütenköpfe stülpte und mit einem Faden zubinden sah. Dann schnitt sie ihnen die Stengel ab, brachte sie ins Haus und hängte sie an eine vielfach zusammengestückelte, kreuz und quer durch die ehemalige Bibliothek gespannte Leine. In einer solchen Zahl hingen die weißverhüllten Stengel unter dem Bibliotheksplafond, daß sie eine Art Papierwolke bildeten, in der Mrs. Ashbury, wenn sie, auf der Bibliotheksstaffelei stehend, mit dem Aufhängen oder Abnehmen der raschelnden Samenbehälter beschäftigt war, wie eine in den Himmel auffahrende Heilige zur Hälfte verschwand. Die abgenommenen Tüten wurden nach einem unterschiedlichen System verwahrt auf den offenbar seit langem schon nicht mehr von ihrer Bücherlast befreiten Borden. Ich glaube nicht, daß Mrs. Ashbury wußte, in welchen Gefilden die von ihr gesammelten Samenkörner einmal aufgehen sollten, genausowenig wie Catherine und ihre beiden Schwestern Clarissa und Christina wußten, weshalb sie in einem der Nordzimmer, wo sie Unmengen von Stoffresten angehäuft hatten, jeden Tag ein paar Stunden damit verbrachten, vielfarbige Kissenbezüge, Bettüberwürfe und dergleichen mehr zusammenzunähen. Wie von einem bösen Bannspruch getroffene Riesenkinder saßen die drei ledigen, beinahe gleichaltrigen Töchter auf dem Fußboden zwischen den Bergen ihres Materiallagers und arbeiteten, nur selten ein Wort untereinander wechselnd, in einem fort. Die Bewegung, mit der sie nach jedem Stich seitwärts den Faden in die Höhe zogen, erinnerte mich an Dinge, die so weit zurücklagen, daß mir bang wurde um die wenige noch verbleibende Zeit. Clarissa erzählte mir gelegentlich, daß sie und ihre Schwestern sich einmal mit dem Gedanken getragen hatten, ein Innenausstattungsgeschäft zu begründen, aber dieser Plan war, wie sie sagte, sowohl an ihrer Unerfahrenheit als auch daran gescheitert, daß es für ein derartiges Geschäft weit und breit keine Kunden gab. Vielleicht trennten sie darum das, was sie an einem Tag genäht hatten, in der Regel am nächsten oder übernächsten wieder auf.

Vielen Dank!

> Text zu der Ausstellung von W.G. Sebald: 
»Schriftbilder - Entwürfe & Manuskripte« am Erdrand

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