D i r k   B l o t h n e r






The forbidden Quest




W
er in seiner Jugend von dem Sog der phantastischen Erzählungen Jules Vernes und der packenden Berichte von Polarforschern um 1900 erfasst wurde, wird in dem Film von Peter Delpeut viel Bekanntes wiederfinden. Der niederländische Filmemacher hat die Archive nach authentischen Aufnahmen berühmter Polarexpeditionen durchforstet und aus dem vorgefundenen Material und einigen wenigen Neudrehs einen anderen, sicher nicht weniger abenteuerlichen Reisebericht montiert. Der Schiffszimmermann J.C. Sullivan (Joseph O’Conor) erzählt die Geschichte einer geheimnisvollen Reise in die Antarktis, von der er als einziger zurückgekehrt ist. Es ist die besessene Suche nach einem verbotenen Ort, an dem Phantastisches und Reales einander berühren, ein Ort dessen Zauber sich keiner entziehen kann, weil sein Lebensweg - so die Überzeugung des Erzählers - ohnehin unweigerlich auf ihn zusteuert.

   Die Hollandia sticht mit großer Ausrüstung im Juni 1905 vom norwegischen Bergen aus in Richtung Antarktis in See. Die angeheuerten Seeleute unterstehen dem Kommando des holländischen Kapitäns van Diik, aber je länger die Reise dauert, desto mehr zeigt sich, dass es obsessive Überzeugungen sind, die den Kurs bestimmen. Immer tiefer dringt die Expedition ein in das ewige Eis. Unfassbare Ereignisse wie die Begegnung mit einem Eisbär und einem Stamm Eskimos nähren den Glauben an einen geheimnisvollen Durchgang zum Nordpol. In dessen Bann verpasst die Expedition die letzte Chance zur Umkehr und muss die lange Winternacht im Mahlwerk sich auftürmender Eisberge verbringen. Als die Sonne zurückkehrt zersplittert das Schiff und die bis dahin vom Kältetod verschont gebliebenen Männer sehen nur einen Ausweg: Den verbotenen Durchgang zur anderen Seite der Erdkugel. Sullivan, der die Reise mit eindrucksvollen Worten kommentiert, bereut nachträglich die Vermessenheit dieses Vorsatzes. Denn die erhoffte Passage erweist sich schließlich als allzumenschlicher Versuch, sich vom Jenseits eine Vorstellung zu machen. Die Gruppe schleppt sich dem grünlich-roten Licht der Ewigkeit entgegen und löst sich in diesem für immer auf. Bis auf Sullivan, dem die Rolle zukommt, das Filmmaterial der verbotenen Suche zurückzubringen. Denn seine Zeit ist im Jahre 1906 noch nicht gekommen.

   Die authentischen Aufnahmen versetzen zwischen eine Sehnsucht nach dem großen Abenteuer und die Ahnung der Unverrückbarkeit des Todes. Die Kratzer auf dem vergilbten Zelluloid entfesseln den Wunsch nach weiteren, noch nicht gesehenen Bildern. Die von ihrer Suche nach dem Unbegreiflichen besessenen Figuren führen in den flackernden Bildern traumartige Tänze auf. In der dramatisierenden musikalischen Untermalung und der eindrucksvolle Akzente setzenden Kolorierung der Schwarzweißaufnahmen lösen sich vertraute Orientierungen zunehmend auf. Eine Art Zwischenreich öffnet sich: Ein Ort zwischen den Polen der Erde, zwischen einem Diesseits und einen Jenseits, zwischen Feuer und Eis und schließlich ein Bereich, in dem sich der Stolz freier Entscheidung mit dem Unausweichlichen berührt.

   Die Entwicklung im Ganzen gleicht der sich verengenden Bewegung einer Spirale. Die Heiterkeit während der Seefahrt, der Schutz und die Stärke des Schiffes, die anfangs reich bestückte Ausrüstung und der Spielraum von Mensch und Tier erfahren eine unumkehrbare Verengung bis sie in den Sog der halluzinatorischen Bilder kippen. Sie bedeuten das Ende der Reise und eröffnen zugleich jenen Raum, der sich der Vorstellung entzieht. Eine getriebene Suche nach dem Unfassbaren, die von sich selbst verschlungen wird.

 

> Text zu der Filmvorführung von Peter Delpeut:
 »The Forbidden Quest« am Erdrand