H e r m a n n - J o s e f   B e r k






In den Tropen gibt es keine geraden  Linien

 

 


Es ist noch nicht so viele Jahre her, da ließ man Künstler sich halb zu Tode erklären, was denn ihre Werke nun bedeuten sollen.

So mancher Künstler fiel auf dieses Verlangen nach Erklärung herein, bis allmählich bei den Künstlern selbst verstanden wurde, daß die Frage nach der Bedeutung eines Werkes auf Zeitalter zurückgriff, in welchen Darstellung und Bedeutung noch über Listungen festgehalten wurden: Die weltliche Kunst hatte dies von der sakralen Kunst übernommen, die sakrale Kunst übernahm es dann wieder von der weltlichen Kunst und so fort.

Die Zeitgenossen konnten ein Bild lesen wie eine Zusammenstellung von Nachrichten: Das Bild des Adligen N.v.N. gab über Symbole und Attribute Auskunft über Biographie, Rang und Zukunftsstrebungen; die Darstellungen der ‚Ecclesia triumphans‘ fuhren alles zusammen, was es an Informationen zu Macht, Weltbeherrschung und Ewigkeit gab.

Genie und Wandlung in den Künsten zeigten sich im Raffinement der großen Meister, die eigenen Ideen und Auffassungen in symbolischen Szenerien darzustellen, die inhaltlich nicht mehr einfach ablesbar waren.

Die Moderne ist dadurch gekennzeichnet, daß sie sukzessiv mit allen einstmals geltenden Darstellungs-Bedeutungs-Bindungen brach und bricht.

Fortan ist Kunst nicht mehr an die Zwecke der weltlichen und kirchlichen Herrscher gebunden, sondern hat sich aufgemacht, ein gesellschaftliches Gespräch zu betreiben. Dieses Unterfangen ist mit enormen Verständnisrisiken verbunden, da Kunst nun ein Mediator zwischen Künstler und teilnehmender Gesellschaft ist, da ein Verständnis nicht mehr einfach abgelesen werden kann, sondern von allen Seiten einen Arbeitsaufwand abverlangt. Wir sprechen hier nicht von einer Kunst, der es nur um einen schnellen Effekt geht, sondern von einer Kunst, die in ihrer Darstellung mit einem komplex gebildeten Argument ein Gespräch, also die Veränderung des bisher Dagewesenen eröffnet.

Wir werden uns also hüten, Gaida zu fragen, was denn nun die hier ausgestellten Werke bedeuten sollen, da wir uns mit einem solchen Reflex als antiquiert und denkfaul entlarven würden.

Es sei eingeräumt, daß es mit Gaidas Kunst ein Kreuz ist: Viele unserer Zeitgenossen tun uns eine Art gefallen, ihre Werke auf den ersten Hinblick als ‚typisch‘ zu erkennen. Der unverwechselbare Stil ist eine Freude für den Galeristen und ein Schmeicheln des narzißtisch gesinnten Kunstkenners in uns.

Aber was sollen wir ‚Typisches‘ ausmachen bei einem Mann, der uns in unvorhersehbarer Abfolge mal ein Buch, eine Zeitschrift, Tafelbilder, Tafelbilder und Buch vorstellt. Jedesmal ist es absolut nichts Typisches in den Präsentationen - es ist jedesmal eine Überraschung unserer Wahrnehmungs- und Sehgewohnheiten.

Gibt es denn etwas Gemeinsames z.B. zwischen: Quasar - Untersuchungen in der Unver-ständlichkeit; Zeitvertreib - Band I „Alles suchen und NICHTS finden“, Band II „Wo sind WIR stehengeblieben“ und dem heutigen Unternehmen „Fünf Sammler - Graphologische Portraits“ ?

Das Gemeinsame liegt nicht im Stil der Präsentationen, es liegt im Stil der Wahrnehmung Gaidas, in seinem Stil gegen die Mitte Ideen zu entwickeln.

In den Zeitschriften und Büchern versammelt Gaida ausgewählte Autorinnen und Autoren - Autor verwende ich hier als Sammelbegriff für alle jeweils beteiligten Disziplinen - zur Arbeit an einem Suchbild. Die Einzelbeiträge komponiert Gaida wie musikalische Sequenzen, wie Gestaltungssequenzen in einem nach allen Seiten hin offenen Rahmen, so daß auf diese Weise in den Lesern und Betrachtern ein neues Wahrnehmungsinstrumentarium entsteht, über welches sie sich selbst am von Gaida initiierten Gespräch beteiligen können: Untersuchungen in der Verständlichkeit würden zu netten Kamingesprächen führen; Untersuchungen in der Unverständlichkeit fordern von allen Beteiligten, keine Angst vor dem Hinken und Stottern zu haben, das sich bei dem Ver-Suchen im Umgang mit den Erfahrungslöchern in uns von der Sache her naturgemäß ergibt.

Die Bücher und Bilder Gaidas haben eine vergleichbare Ästhetik, eine vergleichbare Wahrnehmbarkeit: Das Präsentierte ist ein vielgerichteter Auftakt, der einen Fächer von Rissen und Brüchen in die Wahrnehmung hinein stellt. Es ist ein Genuß, sich diesem Instrumentarium auszuliefern. Die Prämie ist, die überraschenden Wendungen im Umbruch der eigenen Seh- und Wahrnehmungsgewohnheiten zu erleben, sich auf eine neue Gesprächsebene gehoben zu sehen.

„Fünf Sammler - Graphologische Portraits“

Jetzt können wir sagen: Typisch Gaida !

Man nehme: Einen Sammler, pro-voziere ihn, eine Zeichnung zu machen, gehe mit der Lupe eines Raster-Elektronenmikroskops ins Detail und stelle dies aufs Tafelbild.

Das könnte jeder - wenn er es könnte, das Entstehende über eine steuernde Idee an die ästhetischen Zügel zu nehmen.

Die steuernde Idee Gaidas geht von einer Situation, einem lebendigen Ensemble aus. Eine Zeichnung ist die Spur einer persönlich gestaltenden Bewegung - unverwechselbar individuell wie ein Fingerabdruck.

Die heute präsentierten Bilder sind Details dieser persönlich gestaltenden Bewegungen. Der Blick durch das Raster-Elektronenmikroskop ist ein zutiefst eindringlicher Blick ins Detail einer persönlich gestaltenden Bewegung - ins Bild gehoben.

Die Bilder zeigen Übergänge eines individuell-menschlichen Bewegungsflusses; der Auftakt zum Gespräch sind Enthüllungen, daß sich hinter dem Flüchtigen der Bewegungen individuelle Kompositionen von Makrokosmen ausbreiten.

Die Bilder zeigen eigentümlich Fragiles, wirken pfanzlich-biologisch - nirgendwo findet sich eine fest definierte Linie von A nach B. Strukturen und Zusammenhalt ergeben sich durch fließende Anlehnungen.

Wer sich mit der Realität menschlich-gesellschaftlicher Existenz befaßt, muß sich an solche Unfestgelegtheiten gewöhnen.

Die tatsächliche Unfestgelegtheit unserer menschlichen Existenz hat in der Ideologie unserer Zeit nur noch den Stellenwert eines nützlichen Fehlers, der Programmsteuerungen verbessern hilft.

Im Siegeszug dieser Ideologie soll das lebendig Individuelle den Rang einer fehlerhaft funktionierenden Puppe bekommen, die die unendliche Vielfalt menschlicher Anlehnungen gegen die Eingliederung in eine paar Programme eintauschen soll.

Wie bei allen Ideologien liegt der Lohn für diese Selbstaufgabe in einer ‚herrlichen Zukunft‘, die allerdings seit Menschheitsbeginn noch keiner erlebt hat.

Das Programm im Computer kann massenhaft rechnen. Ein paar Dinge wird der Computer nie können:
               • Träumen
               • Gegensätze genießen
               • Sprache in Neuschöpfung sterben lassen
               • Grenzen durchbrechen
               • Ideen haben
               • Miteinander auskämpfen und beglückt über
                 gemeinsame neue Erfahrungen sein
               • Verletzlich sein

Wenn Sie sich auf die Bilder Gaidas einlassen, werden Sie das alles finden. Sprechen wir miteinander.

Vielleicht ist Gott unendlich klein?

 

> Text zu der Ausstellung von Klaus G. Gaidaa

»Fünf Sammler - Graphologische Portraits«